Die Gründung der Bayreuther Festspiele

© Hannu Salmi

[This text is also available in English]

Anfangs hatte Wagner die Rolle des Zentrums für seine Musik an München vergeben. Als man ihn gegen Ende des Jahres 1865 aus der Nähe Ludwigs II. vertrieb, erhob sich Nürnberg an Münchens Stelle. Nürnberg betrachtete er als ausgesprochen passend für die Meistersinger; auch in der Zukunft versprach die Stadt ein hervorragender Aufführungsort für seine Opern abzugeben. Nürnberg musste allerdings weichen, als Wagner im Jahre 1869 von Hans Richter hörte, dass es in Bayreuth eine ausgezeichnete Opernbühne gäbe. Dort hatte der Markgraf Friedrich (1735-63) Hof gehalten, der mit der Schwester Friedrichs des Grossen, Friederike Wilhelmine Sophie, verheiratet war. Die junge Markgräfin hatte sich nach Art ihres Bruders den Künsten verschrieben und komponierte fleissig (u.a. die Opern Amaltea und L'Elliogabalo). Für die Opernaufführungen liess der Markgraf in Bayreuth ein Opernhaus errichten, das im Jahre 1747 fertiggestellt wurde. Dieses Theater war zu seiner Zeit eine der grössten Bühnen der Welt. Auch die Akustik des Saales war ungewöhnlich gelungen.

Im Jahre 1864 hatte Wagner in seiner Geldnot die Rechte an seinen künftigen Opern an Ludwig II. verkauft. Ludwig, der begeisterte Wagnerianer, wollte seine Lieblingsmusik natürlich in München hören. Auf Ludwigs Initiative wurde Das Rheingold am 22. September 1869 in München uraufgeführt, obwohl Wagner dagegen war.

Das Problem reichte aber noch weiter: Da Die Walküre fast fertig war, wollte Ludwig das Werk so bald wie nur irgend möglich aufführen lassen. Gleichzeitig interessierte sich Wagner mehr denn je für Bayreuth: München passte nicht mehr in seine Pläne. Am 5. März 1870 lasen Richard und Cosima begeistert, was der Brockhaus' Conversations-Lexikon über Bayreuth zu erzählen wusste. Der Gedanke kam auf, dass Der Ring des Nibelungen in Bayreuths bekanntem Operntheater aufgegführt werden könnte. Es überrascht also nicht, dass Wagner hernach die Aufführung seiner Werke in München nur noch mehr verdross. Wagner wandte sich am 6. April 1870 schriftlich mit einer scharfen Antwort an Ludwigs Sekretär Lorenz von Düfflipp. Er bezog sich auf das von Ludwig gegebenen Versprechen, dass er, Wagner, die Nibelungen- Tetralogie seinen Plänen gemäss durchführen dürfe. Diese Worte halfen nicht: Die Walküre wurde im Münchner Hoftheater am 26. Juni 1871 uraufgeführt.

Wagner hielt sich im Zusammenhang mit seiner Berlin-Reise am 17.-20. April 1871 in Bayreuth auf und befand die Stadt für geeignet. Bedauerlicherweise entpuppte sich das bekannte Barocktheater als bühnentechnisch zu archaisch. In der Stadt sei ein völlig neues Theater zu errichten. Die Stadtväter waren natürlich sehr interessiert an dem Projekt, da es Bayreuths Namen abermals zu neuem Glanz verhelfen könnte. Durch seine Erfahrung inspiriert schrieb Wagner am 20. April Lorenz von Düfflipp und tat diesem kund, dass er Bayreuth zum Austragungsort seiner Festspiele auserkoren habe.

Bayreuth, dass vor Wagner vornehmlich als der Heimatort des Schriftstellers Jean Paul bekannt war, passte sehr zu Wagners Zielen. Bayreuth befand sich nahe der bayerischen Nordgrenze und lag also somit ziemlich genau in Deutschlands Mitte. Es war seiner geographischen Lage nach also günstiger als München, das sich viel zu weit südlich, im zentralen Bayern, befand. Bayreuth schlug Nürnberg auch deshalb aus dem Rennen, da es dort neben Jean Paul und dem Barocktheater nichts gegeben hätte, was mit den Früchten des Wagnerismus hätte konkurrieren können. Im Jahre 1868 hatte Wagner in dem Text Deutsche Kunst und deutsche Politik verlauten lassen, dass das Theater der Kern der nationalen Bildung zu sein habe, der Mittelpunkt. Falls man das Wagner-Theater in Bayreuth errichtete, befände es sich zumindest in geographischer Hinsicht mit Gewissheit in der Mitte, im Kern ganz Deutschlands. So sei denn dem deutschen Volke die Möglichkeit gegeben, von überall her mühelos zur Quelle der geistigen Wiedergeburt - nach Bayreuth - zu wallfahrten.

Von da an begannen Wagners Pläne rasch Gestalt anzunehmen. Am 11. Mai 1871 schrieb er nach Bayreuth an Doktor Carl Landgraf, dass er die Organisation eines grossen Festspieles in Bayreuth bereits in zwei Jahren plane, also im Jahre 1873. Gleichzeitig kündigte Wagner an, er gedenke, möglichst bald wieder auf deutschen Boden zurückzukehren, um an seiner neuen Heimatstätte das kommende Kulturereignis vor Ort besser arrangieren zu können.

Wagner war aktiv darum bemüht, die staatliche Absegnung für sein Unterfangen zu erhalten. Interessanterweise stellte er jedoch gleichzeitig bereits Überlegung hinsichtlich einer finanziellen Lösung an, bei der er die direkte Unterstützung des 'Volkes' einplante. Als Wagner am 3. Mai 1871 Bismarck getroffen hatte und mit leeren Taschen von dannen ziehen musste, also ohne staatliche Unterstützung, beschloss er, ganz konkrete Unterstützung beim Volk einzuholen. Bereits am 12. Mai schrieb Wagner in Leipzig eine Ankündigung der Festspiele, in der er seinen BayreuthGedanken dem Publikum vorstellte. Beabsichtigt war, in Bayreuth vor dem Sommer 1873 ein grosses Festspielhaus errichten zu lassen, dass bei dieser Gelegenheit mit der Aufführung des Nibelungenringes eingeweiht werden sollte. Dem Doktor Landgraf schrieb Wagner, dass er die Sache bereits mit Ludwig II. geklärt habe und die Festspiele nun seine "ganz persönliche Angelegenheit" seien, die sich mit Hilfe von begeisterten Freunde verwirkliche.

Wagner machte sich daran, sein Projekt privat zu verwirklichen, aber nach seiner Meinung stände nichtsdestoweniger eine spätere soziale Absegnung in Aussicht. Am Wichtigste sei es, dass Projekt in Gang zubringen, in der Hoffnung, dass das deutsche Volk letztendlich einsähe, was für ein Geschenk ihm bereitet worden sei. Dies brachte Wagner noch klarer gegenüber seinem wirtschaftlichen Ratgeber, dem Bankier Friedrich Feustel, zum Ausdruck: "Wir geben mit diesem Bau nur den Schattenriss der Idee, und Übergeben diesen der Nation zur Ausführung als monumentales Gebäude." Das Theater sollte als schlichter Holzbau entstehen. Das so beim Bau eingesparte Geld könnte man in die Aufführungstechnik und die Dekoration investieren, damit das Erlebnis vollkommen sei. Die Gesamtkosten des Unternehmens betrügen gut 300.000 Thaler, wovon 100.000 für das Errichten des Theaters vorgesehen wären, 50.000 für die Aufführungsmaschinerie und 150.000 für die Aufführungskosten der ersten Festspiele.

Bereits im Frühjahr 1871 begann Wagner damit, Geld einzusammeln. Vor seiner Rückkehr nach Triebschen im Mai 1871 besuchte er Leipzig, Frankfurt, Darmstadt und Heidelberg, um seine Anhänger für die Unterstützung seines Projektes zu gewinnen.

Zu Anfang waren es hauptsächlich seine Berliner Freunde, die sich für das Projekt begeisterten. Besonders aktiv engagierte sich der Pianist Karl Tausig. Tausigs Energie schien keine Grenzen zu kennen: Er redete dem Wagnerismus in der Hauptstadt des neuen Deutschlands das Wort, wo man sich ansonsten nur mässig für die Botschaft des Wagnerismus erwärmen konnte. Tausigs Überraschender Typhus-Tod war so auch für Wagner ein herber Verlust. Nach Tausigs Tod im Herbst 1871 ging die Begeisterung in Berlin stark zurück. Dies hing teilweise damit zusammen, dass es jetzt vielen zum Bewusstsein kam, dass Wagner seine Festspiele im entlegenen Bayreuth heimisch machen wollte.

Gegen Ende des Jahres 1871 schien es immer klarer zu werden, dass das blosse Warten auf Geld nicht genügte: Wagners Konto war nur langsam angewachsen. Es musste schnell etwas geschehen, falls die ersten Festspiele 1873 veranstaltet werden sollten. Zu Beschleunigung der Geldeinnahme beschloss Wagner 1.000 Patronatsscheine à 300 Thaler in den Umlauf zu bringen, die dazu dienen sollten, die Festspiele mit einer soliden finanziellen Organisation zu versehen. Problematisch war allerdings der hohe Preis der besagten Scheine. Es galt Mittel und Wege zu finden, die es auch den weniger begüterten Wagnerianern ermöglichen würden, das Projekt zu unterstützen. Ein in dieser Hinsicht nützlicher Vorschlag stammte von dem Mannheimer Musikverleger Emil Heckel, der im Juni 1871 in seinem Heimatort einen Richard-Wagner-Verein ins Leben gerufen hatte. Dem Heckelschen Modell folgend schickte sich Wagner an, allerorts in Deutschland Wagner-Vereinigungen ins Leben zu rufen, die Veranstaltungen und Geldeinsammlungen organisieren könnten. Die Vereinigungen könnten Patronatsscheine für ihre Mitglieder erwerben, die nicht über die nötigen Mittel verfügten, um 300 Thaler zu investieren. Der Vorschlag fand Anklang. Das Gründen von 'Fanklubs' garantierte, dass allen Enthusiasten die Möglichkeit gegeben würde, ihr Scherflein beizutragen.

Das Gründen der Vereinigungen kam schnell in Gang. Die Mannheimer Wagner-Vereinigung fand in Leipzig, Wien und Berlin noch im Verlaufe des Jahres 1871 Schwestervereinigungen. Wagner brachte sein Projekt in eine schriftliche Form, um seinen Vereinen eine Vorstellung davon zu geben, was das höchste Ziel der Aktionen sei. In einem Atemzug bekräftigte er, dass es ihm stets darum gegangen sei, "das wahre Wesen des deutschen Geistes" zu fördern.

Einen unermüdlichen Einsatz zur Organisation der Arbeit leistete der Academische Wagner-Verein in Berlin, der auf eigene Kosten zwei Sonderbeilagen des Musikalischen Wochenblattes im April und im Juli 1872 finanzierte. Die Beilagen waren Einführungen in Wagners Gedankenwelt: Sie berichteten, worum es sich bei der Kunst Wagners handele, welche Bedeutung für die deutsche Nation den kommenden Festspielen zukäme, welchen Stoff Wagners Opern zum Gegenstand hätten und wie man sich am besten mit der Gedankenwelt des Meisters vertraut machen könne. Sie stellten mit anderen Worten eine Einführung zum Wagnerismus dar. Interessant ist, dass die Strategie der Aufrufe darauf hinauslief, Wagners Kunst den Vereinigungsbestrebungen Deutschlands beizustellen. Wagner wurde als 'Bismarck der Musik' dargestellt, der sein Leben für Deutschland hingegeben hätte: Daher habe die Nation die Kraft aufzubringen, für Wagners Werke eine würdige Umgebung zu schaffen: Bayreuth. Dem Aufruf nach könne Deutschland ein neues Hellas sein, wenn nur Politik und Kultur einander die Hand reichen würden:

Aus traurigem Verfall erstand das deutsche Kaiserreich, und unter dem Donner der Schlachten, in welchen Deutschlands begeisterte Jugend siegte, wurden die edelsten Bestrebungen langer Jahrzehnte zur That.

Heute, wo die Leitung des vollbrachten Werkes in den Händen eines gewaltigen Mannes ruht, wo der glühende Wunsch nach nationaler Einheit befriedigt ist, widmet der deutsche Student mit um so froherer Zuversicht seine Theilnahme den nationalen und idealen Geistesbestrebungen. Auf eine solche geistige Arena rufen daher die Unterzeichneten alle ihre Commilitonen.

Wie in Hellas mit der grössten staatlichen Blüthe die der Kunst Hand in Hand ging, so soll auch neben der Auferstehung des deutschen Reiches dem deutschen Geiste durch ein gewaltiges Kunstwerk ein ewiges Denkmal gesetzt werden. Zum zweiten Male triumphirte in diesen Tagen der welthistorische Beruf des Germanen auf politischem Gebiete - der geistige Sieg soll durch die deutschen Festepiele in Bayreuth gefeiert werden.

Richard Wagner, der grosse Dichter-Componist, dessen unbeirrtes reformatorisches Wirken auf dem Gebiete der Kunst mit Bismarck's politischer Thätigkeit verglichen werden kann - Richard Wagner, der Sänger deutscher Grösse, weihte das Werk seines Lebens dem Vaterlande. Das Volk soll eine würdige Aufführung ermöglichen.

Dieser Appell des Academischen Wagner-Vereines zeigt, mit welch eindeutiger Sprache man darum zu tun war, Wagners Betreibungen auf den Rumpf der politischen Einheit Deutschlands zu pfropfen. Das deutsche Volk stehe geradezu in Wagners Schuld aufgrund dessen unermüdlicher Anstrengungen.

Im Jahre 1872 verbreiteten sich die Vereinsaktivitäten rasch über ganz Deutschland. Organisierte Enthusiasten fanden sich bald von Stadt zu Stadt. Als ein ausreichender Geldbetrag zusammengekommen war, war es an der Zeit, mit der eigentlichen Arbeit zu beginnen. Im Frühjahr 1872 zog Wagner mitsamt Familie nach Bayreuth, um näher am Ort des Geschehens zu sein und selber die Leitung des Projekts übernehmen zu können. Mit einer feierlichen Zeremonie wurde am 22. Mai 1872 der Grundstein des zukünftigen Opernhauses gelegt, auf einem Hügel ganz in der Nähe Bayreuths.

Als der Grundstein gelegt wurde, war es für Wagner offenbar schon klar, dass sich die Festspiele noch nicht im kommenden Jahr realisieren liessen. Ein grösserer Geldbetrag war noch einzusammeln, der Plan des Theaters war noch zu überarbeiten und das letzte Glied der NibelungenTetralogie, die Götterdämmerung lag noch nicht in der Orchesterfassung vor. Es war wahrscheinlich, dass sich die Festspiele zumindest bis zum Jahre 1874 verzögern würden.

Wagners Pläne waren immer noch optimistisch. Als sich das Jahr 1872 seinem Ende zuneigte, mussten Wagner und sein finanzieller Berater, Feustel, feststellen, dass die Wagner- Vereine bei der Aufbringung des Geldbetrages nichtsdestotrotz nur relativ schwache Erfolge verbuchen konnten. Die Geldsorgen setzten sich auch nach Jahreswechsel in gewohnter Manier fort, ohne dass sich eine Lösung des Dilemmas abzeichnete. Bis zum August 1873 war nur ein Drittel der Partronatsscheine abgesetzt worden. Die Situation erschien trostlos. Für Wagner stand kein anderer Weg mehr offen, als abermals den Staat um Hilfeleistung zu bemühen. Am 24. Juni 1873 schrieb er Bismarck einen demütigen Brief, mit der direkten Bitte um finanzielle Zuwendung. Bismarck allerdings blieb unerschütterlich: kein Geld für die deutsche Kunst!

Bayerns Ludwig II. hatte von Anfang an das Bayreuth-Projekt als unvernünftig und unrealistisch angesehen. Wagner war sich dessen sehr wohl bewusst und war daher bestrebt, das Unternehmen privat, also ohne Mäzen, durchzuziehen. Aber auch von diesem Grundsatz war er in seiner bedrängten Position bereit, Abstriche zu machen. Abermals also musste er bei Ludwig um Hilfe vorsprechen. Ende Januar 1874 bewilligte Ludwig eine Hilfszahlung von 100.000 Thalern.

Ludwigs Unterstützung hatte eine entscheidende Bedeutung. In einem Brief an Lorenz von Düfflipp ging Wagner davon aus, dass sich das Theater bis zum Sommer des Jahres 1875 fertigstellen liesse. Selbst diese Planung erschien gegen Jahresende als nicht mehr realisierbar. Erst im Sommer 1876 stand das Festspielhaus auf seinem vorgesehenen Platz.

"Wagners eisernem Willen ist es gelungen, nun seiner Idee Verwirklichung zu verschaffen", vermerkte Marie zu Hohenlohe später in ihren Erinnerungen. Diese Anschauung war sicher berechtigt. Ohne Wagners eisernen Willen wäre das Bayreuth-Projekt nie Wirklichkeit geworden. Als die feierliche Eröffnung am 13. August 1876 heraufzog, war für Wagner - zumindest für einen Augenblick - die Utopie Wirklichkeit geworden: Deutschland hatte seine Nationalbühne erhalten.

Die Bayreuther Festspiele waren in Deutschland ein bedeutendes Kulturereignis, dass selbst Kaiser Wilhelm I. mit seiner Anwesenheit beehrte. Als Überraschungsgast war auch der brasilianische Kaiser Dom Pedro II. zugegen, welcher sich gerade auf einer Europareise befand. Bismarck aber wollte nicht an dem Fest teilnehmen.

Selbstverständlich gaben sich auch die eifrigsten unter Wagners Anhängern (u.a. Friedrich Nietzsche, Wilhelm Tappert, Ludwig Nohl, Richard Pohl, Gottfried Semper, und Karl Klindworth) ein Stelldichein. Professionelle der Musikszene reisten aus ganz Europa an, darunter sogar auch Teilnehmer aus Finnland. Die berühmtesten Komponisten die zugegen waren, waren der Norweger Edvard Grieg und der Russe Pjotr Tschaikowskij. Grieg rapportierte seine Erlebnisse an die norwegische Zeitung Bergenposten und verfolgte die Geschehnisse bereits ab dem Probestadium.

Vor vollem Haus begannen die Festspiele mit der Aufführung des Rheingolds. Das Erlebnis war für viele Wagnerfreunde unvergesslich. Das Festspielhaus war bei seiner Entstehung eine der grössten Opernbühnen der Welt und ist es übrigens bis auf den heutigen Tag. Wagner hatte das Theater der Form nach dem antiken Theater nachempfunden: Der Zuschauerraum hatte die Form eines antiken Amphitheaters, so dass die Sicht von überall gleich gut war. Logen gab es in diesem Theater nicht. Orchester und Zuschauer wurden durch einen Wall getrennt: Die Quelle der Musik war für den Zuschauer also nicht mehr sichtbar. Hinzu kam, dass der Zuschauerraum vollkommen aus Holz gebaut war. Gottfried Semper hielt Holz mit Hinblick auf die Akustik für das bestmögliche Baumaterial. Das erste Festspielpublikum des Theaters hatte somit ein Erlebnis, dass ihm kein anderes Opernhaus hätte bieten können. Diese Einzigartigkeit hatte gewiss mit Wagners Bestreben zu tun, aus seinem Fest ein einzigartiges, fast religiöses Ritual zu machen. Kunst konnte somit in Bayreuth mit derselben Innigkeit empfunden werden, wie zu Zeiten im antiken Griechenland. Wie Richard Pohl über Bayreuth äusserte: "Es war ein neues Olympia."

Als am 18. August die letzte Vorstellung, die Götterdämmerung, beendet war, hielt Wagner vor seinem Publikum eine kurze Ansprache, deren Motive niemandem unklar geblieben sein dürften. Er schloss seine Rede mit den gewichtigen Worten: "Wollen Sie, so haben wir eine Kunst." Vom Publikum, d.h. vom deutschen Volk hinge es ab, ob der Kunst ein dauerhafteres Wesen beschieden sein könnte. Wagner legte sozusagen dem Publikum die Verantwortung für den weiteren Verlauf der Festspiele auf. Die Festspiele des Jahres 1876 waren die Frucht seiner jahrelangen Anstrengungen. Daraus schloss er, dass die Organisation der kommenden Festspiele erneut sehr viel Arbeit erfordern würde. In Wagners näherem Umfeld war die Kontinuität der Festspiele ein heissdebattiertes Thema. Wagner selbst glaubte, dass sich die nächsten Festspiele bereits im folgenden Jahr organisieren liessen, wenn von staatlicher Seite oder doch zumindest von Seite der Vereinigungen Unterstützung zu erlangen wäre. In Wagners Bekanntenkreis glaubten Liszt und Bösendorfer, dass sich die Regelmässigkeit sichern liesse. Pessimistischer war der Impresario Angelo Neumann, der das Tempo für zu streng hielt. Schliesslich erwies sich Neumanns Auffassung als richtig. Eine kontinuierliche finanzielle Unterstützung für die Festspiele fand sich nicht. Wagner musste sich bis zum Jahre 1882 abmühen, bis sich die Wagnerianer wieder im Festspielhaus versammeln konnten.

Als Wagner im Jahre 1883 überraschend starb, hatte er die Organisation von lediglich zwei Festspielen bewirken können. Auf seine Weise hatte er allerdings seine Aufgabe erfüllt: Er hatte das 'germanische Gesamtkunstwerk' geschaffen, von dem er annahm, dass es das deutsche Volk in Richtung auf seine nationale Identität führen werde: Nach eigenem Dafürhalten hatte er die Quelle der Wiedergeburt entdeckt, die den Weg zu einer ganz neuen Gesellschaft eröffnen würde. Entsprechend seiner Utopie sollte im Deutschland der Zukunft Kunst und Politik im Verbund stehen: Die Ehe Berlin-Bayreuth sah er als Unvermeidlichkeit an. Bis zu Wagners Tod war aus dieser Vereinigung allerdings noch nichts geworden. Sie wurde erst in den 30ern dieses Jahrhunderts eine Realität, allerdings in einer anderen Form, als Wagner sie beabsichtigt hatte; während des Nationalsozialismus wurde die Kunst zu einem politischen Instrument.

Im Jahre 1884, nach Wagners Tod, kleidete Richard Pohl Wagners Vermächtnis an seine Anhänger in die Worte:

Richard Wagner hat sich schon selbst ein Denkmal errichtet: es steht in Bayreuth. Dieses Festtheater in seinem Geiste fortzuführen, durch pietätvollste Aufführung von des Meisters Werken, muss unser nächstes Ziel sein.

Die Sicherung der Bayreuther Tradition verblieb somit bei den folgenden Generationen. Gleichzeitig sei es die undankbare Aufgabe der Wagnerianer, den Traum zu verwirklichen, den Nicolaus SOMBART treffend als "l'osmose du pouvoir et de l'art" genannt hat.


aus Hannu Salmi: "Die Herrlichkeit des deutschen Namens..." Die schriftstellerische und politische Tätigkeit Richard Wagners als Gestalter nationaler Identität während der staatlichen Vereinigung Deutschlands. Annales Universitatis Turkuensis, Ser. B. Tom. 196. Turku 1993, S. 250- 260.


Back to Richard Wagner Archive.
hansalmi@utu.fi