Richard Wagner (1813-1883)


The following biography is in German, but you can browse his family tree, written in English. There is an excellent biography available in English at Classical Music Pages


Richard Wagner wurde 1813 in Leipzig als Sohn des Polizeiaktuarius Carl Friedrich Wilhelm Wagner und der Tochter des Weissbäckermeisters Pätz, Johanna Rosine, geboren. Als den wahren Vater hat man oft den Schauspieler Ludwig Geyer angenommen, der oft bei der Familie zu Gast war. Als Carl Friedrich Wilhelm Wagner starb, verheiratete sich Johanna im Jahre 1814 mit eben diesem Geyer.

Als Richard sieben Jahre alt war, zog die Familie nach Dresden, wo der Knabe in der berühmten Dresdner Kreuzschule seinen ersten Musikunterricht erhielt. 1828 kehrte die Familie dann wieder nach Leipzig zurück, wo sich Richards Interesse an der Musik nochmals verstärkte, auch wenn er beim Klavierspielen keine hervorstechende Begabung an den Tag legte.

Vor 1833 komponierte der junge Wagner traditionellem Stil und Themen entsprechend. Erst, als er die 20 überschritten hatte und sich auf das Komponieren von Opern verlegte, zeichnete sich ein Wendepunkt ab. Alles in allem zogen die Fürsten in den Jahren zwischen den Revolutionen von 1789 und 1848 die Oper vor. Die Bürgerschaft hingegen tendierte dazu, ihr Geld anzusammeln, anstatt es für die Kunst zu vergeuden. War doch die Oper nicht zuletzt eine besonders teure Musikform, da hinter jeder Vorstellung eine grosse Aufführungsmaschinerie steht.

Wagners erste Oper, Die Feen, wurde im Jahre 1834 fertig. Das Werk knüpfte klar an die Traditionen an, die von u.a. Heinrich Marschner, Giacomo Meyerbeer, Gasparo Spontini, Carl Maria von Weber und vielen anderen vertreten wurden. Der berühmteste Name der Branche war Meyerbeer, den man unumstritten als Genie ansah.

Seine Opernproduktion setzte Wagner mit dem Werk Das Liebesverbot (1836) fort, gefolgt von Rienzi (1840). Wagners 'geistiges Vaterland', war, wie Maurice BOUCHER es sah, zu dieser Zeit noch die Kunst, während 'Deutschland' für ihn lediglich eine Seite im Geographiebuch darstellte. Diese Haltung kommt vorzüglich in einem Brief Wagners an Robert Schumann vom Jahre 1836 zum Ausdruck: Schumann sollte ihm dabei behilflich sein, Kontakte zu den Pariser Komponistenkreisen zu etablieren; gleichzeitig scheint er sich noch auf die kosmopolitische Einstellung Schumanns zu verlassen.

Gerade zu jener Zeit, in den 30ern des letzten Jahrhunderts, erlebte der Nationalismus seine starke Aufschwungsphase sowohl in Deutschland als auch anderswo in Europa. Schon die französische Revolution hatte die nationale Identität gestärkt und gezeigt, dass der Lauf der Geschichte beeinflusst werden kann. In Deutschland waren es besonders die Zeit des antinapoleonischen Krieges und der französischen Besetzung, die das Aufkommen des Nationalismus in Gang setzte und das Gefühl der nationalen Zusammengehörigkeit stärkte. Als Gegengewicht zu der traumatischen Zersplitterung der Deutschen entstand der Traum von Vereinigung. Nach der französischen Julirevolution von 1830 entstand überall in Europa im Geiste Giuseppe Mazzinis das "Junge Italien", das "Junge Polen", die "Junge Schweiz", das "Junge Frankreich" und das "Junge Deutschland" (1831-36). Alle Bewegungen propagierten ein stark nationalistisches Programm.

Der Paris-Aufenthalt in den Jahren 1839-1842 stellte den Wendepunkt für Wagner dar. Er träumte davon, die Metropole der Musik zu erobern - es kam aber anders: Die Illusionen zerschellten. Die Pariser Jahre hatten nicht nur eine Änderung in Wagners künstlerischem Stil zur Folge; auch seine Beziehung zum Deutschtum veränderte sich. Es lässt sich die Behauptung aufstellen, dass gerade zu jener Zeit Kunst und Politik im Wagnerschen Weltbild einander begegneten. Wagners eigener Kompositionsstil entwickelte sich parallel zu seinem erwachenden Nationalempfinden. Zum Verständnis der folgenden Studie ist es wichtig, daran zu denken, dass Wagner bei seiner Suche nach dem Deutschtum keinen Rückgriff auf sonstige nationale Elemente, wie z.B. die Volksmusik machte. Von Anfang an war Deutschtum in seiner Gedankenwelt mit den Charakteristika seiner Kunst verknüpft.

Noch im Jahre 1837 hielt er sogar Meyerbeer für einen Deutschen; Dieser habe lediglich des Franzosentums als Mittels benutzt, um seine Vorstellungen zu realisieren, ähnlich wie Napoleon dies tat, um Weltgeschichte zu schaffen. Nun war Wagner allerdings der Ansicht, dass sich Meyerbeer zum Tyrann des französischen Musiklebens entwickelt habe, der keinerlei Interesse für den Rienzi zeige, obgleich diese Frühwerk Wagners klar durch Meyerbeer beeinflusst war. Aus Meyerbeer hatte man einen Teil der glamourösen Fassade der französischen Kultur gemacht, und dies sogar in dem Umfang, dass noch im Jahre 1854 Eugéne de Mirecourt begeistert feststellen konnte: "Meyerbeer n'appartient ni à l'Italie, ni à l'Allemagne; il est à nous seuls!"

Als sich Wagners Auffassung von seinem kulturellen Hintergrund änderte, änderte sich auch seine Ästhetik. Er begann, sich immer mehr als Musikdramatiker denn als Komponisten zu sehen. Er hielt sich für eine Art Kombination zwischen Shakespeare und Beethoven, dazu im Stande, sowohl das Libretto als auch die Musik zu schaffen. Diese neue Denkweise wuchs sich über kurz oder lang zu einer ganzen Weltanschauung aus, in der sich seine Auffassungen von Vergangenheit, Volk, Staat, Kultur und Politik vereinigten. Er strebte danach, nationale, ganzheitliche Kunst zu schaffen. Alfred EINSTEIN konstatierte über Wagner:

He was the first to use music as a means of influensing, of entrancing, of intoxicating, of conquering. To be sure, all musicians direct their attention to the 'world' - to connoisseurs, to a community great or small, to the nation. Even before Wagner a few composers had felt impelled to create a community for themselves because there was none at hand. Handel did so in his oratorios; Beethoven, in his symphonies. So far as Wagner concerned, however, Handel scarcely existed [...] But in Beethoven Wagner saw his true predecessor - or, more precisely, in the Beethoven of the Ninth Symphony, with which the reign of pure instrumental music seemed to have come to an end and that of opera, of his opera, to have begun.

Die Vermischung von künstlerischen und politischen Ambitionen ist in Wagners Fall offenkundig; kein Wunder also, dass er danach trachtete, aktiv im politischen Leben mitwirken zu können. In diesem Zusammenhang sind Wagners Dresdner Jahre (1842-1849) sowie die Münchner-Triebschener Jahre (1864-1872) von Bedeutung.

Im Jahre 1842 erhielt Wagner eine Stellung als Hofkapellmeister in Dresden, beglückt darüber, dass die feste Anstellung seine chronische Geldnot linderte. Das ehrwürdige Amt bot ihm die Gelegenheit, die Verwirklichung seiner reformistischen Opernauffassung zu versuchen. Der fliegende Holländer kam 1843 auf die Bühne, Tannhäuser 1845. Während der 40er Jahre arbeitete Wagner auch am Lohengrin, aber die Uraufführung fand erst im Jahre 1850 in Weimar statt. Gleichzeitig entwickelte Wagner ein immer lebhafteres Interesse an politischen Fragen und begann an den Aktivitäten des in der Stadt wirkenden Vaterlandsvereins teilzunehmen. (Diese Sitzungen lässt er in seiner Autobiographie unerwähnt.) Auf diese Art machte er die Bekanntschaft des revolutionär gesinnten Journalisten August Röckel und des Anarchisten Michail Bakunin, der zu dieser Zeit im Schutze des Decknamens Dr. Schwarz politische Agitation in Dresden betrieb. Wagner nahm mit anderen Revolutionären am Dresdner Aufstand im Mai 1849 teil. Röckel und Bakunin wurden gefangen genommen, Wagner jedoch gelang die Flucht über die Grenze zu Franz Liszt nach Jena.

Die zweite politisch interessante Phase stellen die Jahre in München (1864-65) und Triebschen (1866-72) dar. Nach dem Aufstand von Dresden war Wagner von direkter, aktiver politischer Handlungsweise enttäuscht: Nach seiner Flucht begnügte er sich mit Einflussnahme hinter den Kulissen. In München unterhielt er eine freundschaftliche Beziehung zu dem jungen Bayernkönig Ludwig II. Dies grösstenteils deshalb, weil er vermutete, dass Deutschland unter Bayerns Führung geeint werden würde. Gleichzeitig unterstützte Ludwig in wirtschaftlicher Hinsicht Wagners Opernproduktion. So wurden in München die folgenden Opern uraufgeführt: Tristan und Isolde 1865, Die Meistersinger von Nürnberg 1868, Das Rheingold 1869 und Die Walküre 1870. Das Rheingold und Die Walküre waren die zwei ersten Teile der Operntetralogie Der Ring des Nibelungen, mit dem Wagner schon seit Beginn der 50er Jahre beschäftigt war. Die zwei letzten Teile der Tetralogie, Siegfried und Götterdämmerung wurden erst 1876 in dem von Wagner selbst geplanten Opernhaus anlässlich der ersten Festspiele aufgeführt.

Im Frühling 1866 fand Wagner in Triebschen in der Schweiz ein neues Domizil. Er musste München im Dezember 1865 verlassen, weil die öffentliche Debatte um seinen Einfluss auf den jungen König immer schärfer wurde und in direkte Feindschaft gegen ihn ausgeufert war. Obwohl Wagner nach Triebschen zog, brach sein Kontakt zu Ludwig nicht ab. Als es zwischen Preussen und Österreich im Juli 1866 zum Krieg kam, begann Wagner, ein immer stärkeres Wohlwollen für die Preussen zu entwickeln. Er begriff, dass der Architekt der Umwälzungen nicht Ludwig sondern Bismarck hiess. Wagner begann nun, Kontakte nach Berlin zu suchen; als Vermittler fungierte Lothar Bucher, mit dem Wagner durch die revolutionären Ereignisse in Dresden bekannt war. Bedauerlicherweise zeigte Bismarck jedoch kein grösseres Interesse an Wagner. Folglich beklagte Cosima Wagner (seine zweite Frau und die Tochter Franz Liszts) in ihrem Tagebuch, dass Bismarck, weil er Wagner seine Unterstützung verweigert hatte, nur preussische und keine gesamtdeutsche Politik getrieben habe. Cosima sah also in der Kunst ihres Mannes die gesamtdeutsche Kunst par exellence, deren wahrhaftes Verständnis Hand in Hand mit der natürlichen Entwicklung des deutschen Staates ginge.

Obwohl Bismarcks offizielle Absegnung ausblieb, veranstaltete Wagner seine Kunst als grossangelegte Organisation, zu der zahlreiche Wagner-Vereinigungen, die Bayreuther Festspiele, die Zeitschrift Bayreuther Blätter und der sog. Bayreuther Kreis gehörten, die nach Wagners Tod die Pflege seines musikalischen und schriftstellerischen Erbes zu besorgen hatten. Der Komponist starb am 13.2.1883 an einem Herzinfarkt, als er gerade damit beschäftigt war, für die Bayreuther Blätter einen Artikel "über das Weibliche im Menschlichen" zu verfassen.


aus Hannu Salmi: "Die Herrlichkeit des deutschen Namens..." Die schriftstellerische und politische Tätigkeit Richard Wagners als Gestalter nationaler Identität während der staatlichen Vereinigung Deutschlands. Annales Universitatis Turkuensis, Ser. B. Tom. 196. Turku 1993, S. 14- 19.


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