Hannu Salmi:


Richard Wagner in Finnland


Zu den Möglichkeiten einer finnischen Wagner-Rezeption im 19. Jh

Der deutsche Komponist und Erneuerer der Opernkunst Richard Wagner (1813-1883) hat, soweit bekannt, Finnland nie besucht, wenn man auch mit der Möglichkeit spekuliert hat, dass er bei seinem Besuch in St. Petersburg im März 1863 auch einen Abstecher nach Imatra gemacht haben könnte, um die dortigen Wasserfälle zu besichtigen. Richard Wagner hatte in seiner Lebenszeit kaum Kontakte zu Finnland, aber seine Werke und Gedanken erreichten nach und nach auch unser Land, selbst wenn es nur ein schwaches Echo war, im Vergleich zu dem Wagnerismus in Mitteleuropa.

Wenn wir die Möglichkeiten einer finnischen Wagner-Rezeption im 19. Jh. betrachten, müssen wir von der Frage ausgehen, ob es in Finnland überhaupt möglich war, Wagners Musik zu hören. Finnland hatte damals noch nicht Institutionen, die für die Darstellung der "europäischen Kunstmusik" notwendig waren. Eine regelmässige kontinuierliche Orchestertätigkeit begann in Turku 1868, in Helsinki 1882 und in Viborg 1895. In den anderen finnischen Städten entstanden Orchester erst nach 1900. Finnland hatte auch kein Opernhaus, bevor die "Einheimische Oper" (später "Finnische Oper") im Jahr 1911 gegründet wurde.

Das schlechte Opernangebot wurde durch ausländische Operngruppen kompensiert. Recht fleissig kamen nach Finnland die schwedischen und russischen Ensembles, die bei ihren Besuchen in Helsinki auch einen Abstecher nach Turku oder Viborg machen konnten. Darüber hinaus besuchten Finnland die deutschen Ensembles von Falk und Collin von Reval aus sowie das italienische Ensemble von Müller. Die Bedeutung dieser Ensembletournees darf man nicht unterschätzen, wenn auch offen bleibt, wie dieses der finnischen Kultur fremde Phänomen Oper aufgenommen wurde. Zum ersten Mal hatte man jedenfalls in Finnland die Möglichkeit, Wagner zu hören, als das Ensemble von F. Thomé den Tannhäuser 1857 in Finnland durchführte.

Die Kräfte der Finnen reichten im 19. Jh. aus, höchstens einige Fragmente von Wagners Opern aufzuführen. Auch diese Versuche waren schwach, denn die finnische Musikkultur blieb lange im Bann der deutschen Romantik, die vor allem durch Felix Mendelssohn vertreten wurde. Über die bescheidenen Verhältnisse in Finnland klagte auch Richard Faltin, gebürtiger Deutscher, der sich in Viborg niedergelassen hatte und Richard Wagner im Jahr 1876 in Bayreuth getroffen hatte. Auf die Klagen Faltins antwortete Wagner lakonisch: "Ach! kommen Sie lieber nach Bayreuth. Es freut mich aber sehr, dass es auch dort oben Leute giebt, die meine Musik gern haben."

Wollte man sich wirklich mit der Kunst von Wagner bekannt machen, so war die einzige Möglichkeit, nach Deutschland zu reisen. Wichtige Gesandte des finnischen Wagnerismus waren Richard Faltin (1835-1918), Martin Wegelius (1846-1906) und Armas Järnefelt (1869-1958). Sowohl Faltin als auch Wegelius studierten in dem von Felix Mendelssohn gegründeten Leipziger Konservatorium und lernten schon in ihrer Studienzeit die Opern Wagners kennen. Als die Nachricht über die ersten Bayreuther Festspiele, die den Opern Wagners gewidmet waren, im Jahr 1876 Finnland erreichte, beschlossen beide, sich daran zu beteiligen.

Neben Ihnen war auch ein dritter Finne anwesend, und zwar der Helsinkier Cellist Börngen, der durch den Direktor der Würzburger Musikschule Dr. Kliebert die Tochter des Bruders von Wagner, Franciska Ritter, kennengelernt hatte. Börngen machte Faltin mit Frau Ritter bekannt - und so wurde Faltin während der Festspiele in Wagners Haus Villa Wahnfried eingeladen, wo er die Gelegenheit hatte, den von ihm bewunderten Komponisten kennenzulernen.

Sowohl für Faltin als auch für Wegelius bedeuteten die Bayreuther Festspiele eine grosse Wende: Erst jetzt hatten sie die Möglichkeit, Wagners Musik genau in der Form zu hören, wie der Komponist selbst sie haben wollte. Wegelius schrieb dann auch in dem von ihm im Jahr 1891 veröffentlichen Werk Geschichte der abendländischen Musik: "Ich habe nie etwas Vergleichbares woanders erlebt wie in dem Festspielhaus in Bayreuth, nicht einmal dann, wenn ich dasselbe Werk in einem gewöhnlichen Theater gehört habe." Diese Erlebnisse hatte für die Wagner-Kenntnisse in Finnland eine grosse Bedeutung. Faltin konnte seine Erfahrungen weiter vermitteln in seiner Tätigkeit als Musikpädagoge der Universität Helsinki und Wegelius als Leiter des Helsinkier Musikinstituts.

Während der Bayreuther Festspiele wurde Richard Faltin als Vertreter Finnlands in den Bayreuther Patronatsverein gewonnen: für die Fortsetzung der Festspiele war es notwendig geworden, eine Geldsammlung zu veranstalten. Eine besonders grosse Begeisterung für Wagner konnte Faltin trotzdem nicht zustande bringen. In den Jahren 1877-78 brachte Finnland insgesamt nur 200 Rmk zusammen. Nach dem Jahr 1878 versiegte diese Geldquelle völlig. In den 70er Jahren des 19. Jhs. gab es in Finnland nicht genug Interesse für Richard Wagner.

Einen konkreten Versuch, eine Wagner-Gesellschaft zu gründen, machte Martin Wegelius im Winter 1898-99. Diese Wagnerföreningen war jedoch nur eine vorläufige Vereinigung, in der man nur die Absicht hatte, gemeinsam diejenigen Werke Wagners zu studieren, die im nächsten Sommer in Bayreuth auf dem Spielplan stehen sollten. Gegenstand der Betrachtung waren Die Meistersinger von Nürnberg, Parsifal und die Tetralogie Der Ring des Nibelungen. Die Arbeitsbelastung von Wegelius erwies sich jedoch bald als zu schwer für die weitere Leitung der Vereinigung: Die Tätigkeit des ersten finnischen Wagner-Vereins wurde unterbrochen.

Zur ersten Mal konnte man Richard Wagners Opern als finnische Produktionen erst im 20. Jh. hören. Eine entscheidende Rolle spielte bei diesen Aufführungen Kapellmeister Armas Järnefelt, der in den 90er Jahren des 19. Jhs. in Berlin und Paris studien hatte. In der Berliner Oper hatte er die Oper Tristan und Isolde fünfzehnmal gehört - und zwar von einem Stehplatz her. Zusammen mit dem Konzertbüro Edvard Fazer veranstaltete Järnefelt eine Aufführung des Tannhäuser am 2. März 1904. Die Begeisterung war riesengross: Von den elf Aufführungen waren bereits acht im Vorverkauf ausverkauft. Es gab auch soviel begeisterte Sänger für den Chor, dass alle es nicht einmal zeitlich geschafft hätten, während des Pilgerchors auf die Bühne zu kommen! Da der Erflog so gross war, organisierten Fazer und Järnefelt im Jahr 1905 noch sechs Aufführungen der Walküre und fünf Aufführungen des Fliegenden Holländers im Jahr 1906.

Alles in allem scheint es so gewesen zu sein, dass der finnische Wagnerismus - soweit bei dem Interesse für Wagner in Finnland überhaupt von einem -ismus gesprochen werden kann - im 19. Jh. nur von einigen wenigen Leuten getragen wurde. Da viele finnische Musiker und Komponisten in Deutschland studierten, hätte man glauben können, dass die Kenntnis von dem Wagnerismus, der in den musikalischen Kreisen Deutschlands die Gemüter erregte, Finnland früher erreicht hätte. Die Verbreitung einer Innovation von dem Zentrum bis an die Peripherie nimmt gewöhnlich Zeit in Anspruch: Im Falle Wagners hat die Verbreitung der Innovation bis an die vergleichbaren Randgebiete der abendländischen Kultur wie Finnland jedoch länger als gewöhnlich gedauert - trotz der engen Kulturbeziehungen zwischen Deutschland und Finnland. Dies war darauf zurückzuführen, dass sie sich mit einer anderen, grösseren Innovation mischte, und zwar mit der Verbreitung der ganzen bürgerlichen Musikkultur.

In Mitteleuropa entstand die Konzertmusiktradition gleichzeitig mit dem gesellschaftlichen Aufstieg des Bürgertums: erst im 18. Jh. wurde es üblich, Konzerte zu veranstalten und dem grossen Publikum Eintrittskarten zu verkaufen. In Finnland bürgerte sich die Konzertmusiktradition erst gegen Ende des 19. Jhs. ein - und auch dann nur in den grösseren Städten. Genauso langsam verbreitete sich nach Finnland auch die mitteleuropäische Operntradition: so entstand die erste finnische Oper Kung Karls jagt von Friedrich Pacius im Jahr 1852, die erste finnischsprachige Oper Pohjan neiti von Oskar Merikanto im Jahr 1898 und die erste feste Opernbühne erst im Jahr 1911.

Von dieser Perspektive aus betrachtet ist die Frage nach einem finnischen Wagnerismus zu eng gestellt, um beantwortet werden zu können, weil der Wagnerismus Teil eines breiteren Phänomens war, Teil der Verbreitung einer europäischen Musikkultur. Von Anfang an hatte sich das finnische Musikleben ganz anders entwickelt als das in Mitteleuropa. Deswegen sollte sich die Tätigkeit der Fürsprecher der europäischen Musikströmungen, wie Faltin und Wegelius, von Anfang an als hoffnungslos erweisen.