Hannu Salmi:

HAT WAGNER FINNLAND BESUCHT?

Am 2. September 1863 entdeckte einer der zahlreichen Besucher der ostfinnischen Stadt Imatra eine französischsprachige Inschrift, die an der Wand eines Pavillons nahe dem berühmten Wasserfall eingraviert war. Die Eingravierung lautete in ungekürztem Wortlaut:

Je pars pour l'Allemagne. Adieu, charmant pays! Adieu Russes bien aimés, noble et intelligent nation! Vous seules avez su apprecier ma musique divine; vous seuls avez applaudi mes creations sublimes, pendant que Paris, ce centre de l'ignorance les sifflait!... Pour vous recompenser, chers Sarmathes mélomanes, je jure devant ce torrent, de composer un opera, dont les héros principal sera l'Imatra; les autres rôles seront remplis par les rochers, les sapins, les poissons, etc.... Peut-étre trouverai-je utile de mettre aussi en scene un homme - mais ce point n'est pas encore decidé.

Richard Wagner.

(Ich fahre nach Deutschland zurück. Auf Wiedersehen, herrliches Land! Auf Wiedersehen, liebenswürdige Russen, edle und geistreiche Nation! Nur ihr habt meine göttliche Musik verehrt; nur ihr habt meinen erhabenen Schöpfungen applaudiert, gleichzeitig wenn Paris, dieses Zentrum der Unwissenheit, sie ausgepfiffen hat!... Um Euch, liebe musikkennende Sarmaten, das zu vergelten, schwöre ich bei diesem Wasserfall, dass ich eine Oper komponieren werde, in der der erste Held Imatra sein wird; die anderen Rollen sind für Felsen, Tannen, Fische usw. reserviert... Möglicherweise werde ich es notwendig finden, auch einen Menschen auf die Bühne zu bringen - aber das ist noch nicht entschieden.

Richard Wagner)

Diese Inschrift wurde zum ersten Mal auf schwedisch in der Zeitung Borgå Bladet vom 3. Dezember 1863 herausgegeben. In der Originalsprache, Französisch, erschien sie sechs Jahre später, am 14. August 1869 in der Zeitung Åbo Underrättelser (vgl. Hirn 1958: 161). Der Redakteur der letztgenannten Zeitung überprufte den Inhalt des Textes noch einmal. Bedauerlicherweise existiert der Pavillon, in dem der Text eingraviert war, nicht mehr, und der Inhalt ist nur durch Zeitungsnotizen bewahrt. Da der Inhalt des Textes in zwei voneinander unabhängigen Zeitungen veröffentlicht wurde, ist er offensichtlich identisch mit dem zerstörten Original.

Die Gerüchte über den Imatra-Besuch Wagners gingen noch im Jahr 1869 in Finnland herum. Damals behauptete man, Wagner bereite eine Oper namens 'Imatra' vor, also eine Oper, die er in der Inschrift zu komponieren versprochen hatte. Viele Zeitungen gaben dieses Gerücht als Faktum heraus (Hirn 1958: 161-162).

Die Zeitungnotizen stellten die Möglichkeit einer Imatra-Oper oder die Echtheit der sechs Jahren vorher entdeckten Inschrift nicht in die Frage. Im Spätsommer 1869 endete das Intermezzo der 'Wagner in Imatra' -Notizen ebenso mystisch, wie es begonnen hatte. Interessanterweise schweigt die finnische Wagner-Literatur der Jahrhundertwende völlig über die eventuellen Imatra-Kontakte Wagners (vgl. Wegelius 1904; Faltin 1905; Faltin 1906; Nurmi 1923).

Wagner hielt sich von Februar bis April des Jahres 1863 tatsächlich in St. Petersburg und Moskau auf, so dass er durchaus einen Abstecher nach Imatra gemacht haben könnte Finnland war noch zu dieser Zeit noch Teil des russischen Imperiums. Für einen derartigen Besuch finden sich allerdings weder in seiner Autobiographie noch in seinem Briefwechsel oder in seiner sonstigen schriftlichen Hinterlassenschaft Belege. In St. Petersburg hatte es Wagner sehr eilig. Er gab drei Konzerte, am 3., 10. und 16. März. Sofort nach dem letzten Konzert fuhr er nach Moskau und erkältete sich dabei. In Moskau dirigierte er auch drei konzerte und kehrte im April nach St. Petersburg zurück. Diesmal hatte er zwei Konzerte zu leiten und verschiedene Vorträge über seine Opernpläne zu halten. Zuerst gedachte er nur eine Woche in St. Petersburg zu bleiben, aber schliesslich dauerte sein Aufenthalt doch zwei Wochen. Nach Deutschland kehrte er am 24. April zurück (Gregor-Dellin 1980: 508-509; Westernhagen 1979: 304-305; Godlewskaja 1993: 13-18).

In den zwei ersten Aprilwochen hätte er Imatra besuchen können. Der Wasserfall in Imatra war eine international bekannte Sehenswürdigkeit. In seiner Autobiographie erzählt Wagner aber nichts über einen solchen möglichen Abstecher. Während seiner Lebzeiten schrieb Wagner 8.000, möglicherweise sogar 10.000 Briefe. Es würde wirklich eine Überraschung sein, wenn Wagner Imatra besucht hätte und seine Erfahrungen in seinem Briefwechsel unerwähnt gelassen hätte. Der einzige Beweis für den eventuellen Imatra-Besuch Wagners ist die Eingravierung an der Wand des Pavillons. Die Unmöglichkeit der Möglichkeit kann man kaum historisch belegen. Die einzig relevante Frage ist also: Ist die Inschrift an der Wand des Pavillons so zuverlässig, dass wir unsere Sicht der Biographie Wagners ändern sollten?

Offensichtlich weist der Inhalt der Inschrift Details auf, die auf eine Fälschung hindeuten. Die Tatsache, dass die Inschrift auf französisch geschrieben wurden, ist kaum ein solches Detail, obgleich der Meister selbst für seine germanische Gesinnung bekannt war. Im Kreis der St.Petersburger Aristokraten unterhielt man sich französisch, und so konnte es gut möglich sein, dass Wagner seine Inschrift gerade in dieser Sprache eingravieren wollte (vgl. Wagner 1963: 730). Wahrscheinlicher ist jedoch, dass der Autor nicht Wagner sondern ein russischer Aristokrat war, der mit seinem Text seine Landsleute amüsieren wollte.

Der wahre Autor des Textes hatte wahrscheinlich Konzerte oder Vorlesungen Richard Wagners in St. Petersburg gehört oder Zeitungsberichte über diese Veranstaltungen gelesen, weil er einen klaren Begriff über den Zeitpunkt von Wagners Besuch hatte. Jedoch irrte der Verfasser in der Annahme, dass sich das Pariser Pfeifkonzert (d.h. das Fiasko des Tannhäuser an der Pariser Oper am 13. März 1861) gleichzeitig ("pendant que...") mit dem Besuch Wagners in Russland ereignet hätte. In Wirklichkeit waren zwei Jahre seit den Pariser Ereignissen verflossen. Zusätzlich hat der Text einen klar ironischen Unterton, dessen Absicht es war, auf Kosten des grossen Komponisten Scherze zu machen. Was sonst hätte die Idee von der Imatra-Oper sein können, deren Hauptgestalt ein Wasserfall sein würde? Offensichtlich hatte der Fälscher - von Wagner selbst oder durch die Presse - gehört, dass der Komponist an einer Oper mit 'Wassermotiv' (Rheingold) arbeitete. Als er die 'Wasseroper' namens Imatra erwähnte, ging es dem unbekannten Verfasser wahrscheinlich darum, sich auf Wagners Kosten zu belustigen. Während seines Aufenthaltes in St. Petersburg hielt Wagner tatsächlich Vorlesungen und erzählte auch anderweitig über seine Gedanken und Pläne: man erinnere sich daran, dass das Ring-Libretto gleichzeitig im Druck war und erst später im Frühling herauskam (Wagner 1863). Die Verfälschung im Pavillon von Imatra beschäftigte die Gerüchteküche in Finnland noch sechs Jahre später, als in finnischen Zeitungen die Nachricht die Runde machte, dass die neue Oper Imatra von Wagner in naher Zukunft fertig sein würde. Schliesslich klärte sich das Missverständnis auf, als man merkte, dass die in München im September 1869 uraufgeführte 'Wasseroper' Rheingold war und nicht Imatra (weiteres bei Salmi 1992a, Salmi 1992b und Salmi 1993: 111-113).

Wer auch immer der Autor der Wandinschrift gewesen sein mag, er war sich über Wagners Enttäuschungen in Paris im klaren. Paris sei das "Zentrum der Unwissenheit", da es die "göttliche Musik" und "erhabenen Schöpfungen" des deutschen Meisters nicht zu schätzen wüsste. Gleichzeitig war er sich auch Wagners betonter Eigenliebe gewusst, da dieser keine Scheu davor hatte, die eigenen Kompositionen zu verherrlichen. Offenbar waren die Russen nur deshalb eine "noble et intelligent nation", weil sie Wagners Werken ihre Wertschätzung entgegenbrachten.

Die Verlässlichkeit der Inschrift wird am meisten von ihrem ironischen Unterton eingeschränkt. Wahrscheinlich ist es nur ein Scherz auf Kosten des bekannten Komponisten, wenn der German Wagner die Russen mit dem Namen "liebe musikkennende Sarmaten" tituliert. In Wirklichkeit waren die Sarmaten ein Nomadenvolk, das nördlich des Schwarzen Meeres wohnte. Später wurde der Begriff 'Sarmaten' erweitert, um auf eine viel grössere Menschengruppe und auf ein viel grösseres geografisches Gebiet hinzudeuten. Osteuropäische, slawische Völker wurden als Sarmaten bezeichnet. Diese Deutung kann auf Ptolemäus zurückgeführt werden. Sarmatien war das Gebiet von der Weichsel bis zur Volga (Der Grosse Brockhaus 1933: 454).

Die schriftliche Hinterlassenschaft Wagners zeigt jedoch, dass er in der sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts das Wort 'Sarmaten' nicht benutzte. Zum Beispiel erwähnt Wagner in einem im September 1864 verfassten Brief an Ludwig II. häufig die slawische Völker (vgl. König Ludwig II. und Richard Wagner 1936: 19). Wagner Wort für die osteuropäischen Völker war also Slawen, nicht Sarmaten. Wahrscheinlich ist, dass schon im Jahre 1863 die Benennung 'slawische Völker' ein normaler Begriff der Umgangssprache war und dass das Wort 'Sarmaten' nur dann benutzt wurde, wenn man altertümliche oder ironische Prägung geben wollte.

Stark ironisch geprägt ist auch der Gedanke, dass Wagner eine Oper komponieren würde, in der die Natur eine Hauptrolle haben sollte und kein Platz mehr für Menschenstimmen reserviert sein würde. Es ist daran zu erinnern, dass in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts Wagner das modernste Musikverständnis repräsentierte. In seinem Gesamtkunstwerk hatte die Menschenstimme keine zentrale Rolle; sie war nur ein Instrument. Konnte man mit dem Gedanken an eine Imatra-Oper auf Kosten dieses modernen Opern-Verständnisses scherzen?

Die Tatsache, dass die Eingravierung von Imatra nicht von Wagners Hand geschrieben worden ist, bedeutet nicht, dass dieses Text historisch ohne Bedeutung sein würde: die Inschrift sowie ihr Weg in der finnischen Publizistik sind ein Teil der Geschichte des finnischen und russischen Wagnerismus. Sie dokumentieren, wie man in Finnland und Russland zu Wagners Person und seinem Werk eingestellt war (vgl. Salmi 1991: 166-168)

Als Wagner am 24. April 1863 sich wieder nach Deutschland begab, hatte er die Absicht bald züruckzukommen. Die Grossfürstin Helena Pawlowna hatte Wagner einen jährlichen St. Petersburg-Besuch vorgeschlagen (Gregor-Dellin 1980: 509). Wagner war daran interessiert, aber er verzichtete auf den Gedanken, weil er im darauffolgenden Jahr den jungen König von Bayern als seinen Mäzen bekam. Das Lockende in Russland waren besonders die fürstlichen Honorare. Wenn diese regelmässige Besuche sich wirklich bewahrheitet hätten, hätte Wagner wahrscheinlich auf kurz oder lang Imatra besucht - und eine authentische Inschrift hinterlassen.

Bibliographie

Faltin, Richard (1905). En soiré hos Wagner. Finsk musikrevy (7), 122-125.

Faltin, Richard (1906). Erinringar från Bayreuth. Finsk musikrevy (13), 236-239.

Godlewskaja, Marina M. (1993). Richard Wagner in St. Peterburg. Wagner in St. Petersburg. Ausstellung der Bayreuther Festspiele und der Bayerischen Vereinsbank aus den Beständen des Staatlichen St. Petersburger Museums für die Kunst des Theaters und der Musik. 25. Juli bis 2. September 1993 im Neuen Rathaus Bayreuth. Redaktion: Bärbel Hamacher. Bayreuth.

Richard Wagner. Sein Leben, sein Werk, sein Jahrhundert. München: Piper Schott.

Der Grosse Brockhaus (1933). Der Grosse Brockhaus. Handbuch des Wissens in zwanzig Bänden. Fünfzehnte, völlig neubearbeitete Auflage von Brockhaus' Konversations-Lexikon. Sechszehnter Band. Leipzig: Brockhaus.

Hirn, Sven (1958). Imatra som natursevärdhet till och med 1870. En reselitterär undersökning med lokalhistorisk begränsning. Bidrag till kännedom af Finlands natur och folk utgifna af finska vetenskaps-societeten H. 102. Helsingfors: Den finska vetenskaps-societeten.

König Ludwig II. und Richard Wagner (1936). König Ludwig II. und Richard Wagner. Briefwechsel. Mit vielen anderen Urkunden in vier Bänden herausgegeben vom Wittelsbacher Ausgleichsfonds und von Winifred Wagner. Bearbeitet von Otto Strobel. Vierter Band: Ergänzende Urkunden. Karlsruhe.

Nurmi, Bruno (1923). Richard Wagner. Merkkimiehiä, elämäkertasarja. Toimittaneet Yrjö Hirn ja Kaarle Krohn. Porvoo: Werner Söderström Osakeyhtiö.

Salmi, Hannu (1991). Richard Wagner Suomessa. Suomalaisen Wagner-reseption mahdollisuudet 1800-luvulla. Zusammenfassung: Richard Wagner in Finnland. Zu den Möglichkeiten einer finnischen Wagner-Rezeption im 19. Jh. Oulun yliopisto. Historian laitos. Eripainossarja. N:o 254. Oulu: Oulun yliopisto.

Salmi, Hannu (1992a). Kävikö Richard Wagner todella Imatralla vuonna 1863? Museoviesti (1), 6-11.

Salmi, Hannu (1992b). Kävikö Richard Wagner Imatralla vuonna 1863? Suomen Wagner-Seuran julkaisu n:o 1 (syksy 1992). Turku: Suomen Wagner-Seura.

Salmi, Hannu (1993). "Die Herrlichkeit des deutschen Namens..." Die schriftstellerische und politische Tätigkeit Richard Wagners als Gestalter nationaler Identität während der staatlichen Vereinigung Deutschlands. Annales Universitatis Turkuensis, Ser. B Tom. 196. Turku: Turun yliopisto.

Wagner, Richard (1863). Der Ring des Nibelungen. Ein Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend. Leipzig: J.J. Weber.

Wagner, Richard (1963). Mein Leben. Hrsg. von Martin Gregor-Dellin. Vollständige, kommentierte Ausgabe. München: Piper Schott.

Wegelius, Martin (1904). Länsimaisen musiikin historia pääpiirteissään kristinuskon alkuajoista meidän päiviimme. Suomentanut Axel Törnudd. Helsinki.

Westernhagen, Curt von (1979). Wagner. Zweite, überarbeitete und ergänzte Auflage. Freiburg: Atlantis-Musikbuch.


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