Die Meistersinger von Nürnberg

© Hannu Salmi

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Die Meistersinger von Nürnberg, die am eindeutigsten politische Oper Wagners, erlebte ihre Uraufführung am 21. Juni 1868 in München. Während Tristan und Isolde, drei Jahre vorher uraufgeführt, wesensmässig ein introvertiertes, 'un-nationales' und 'schopenhauerisches' Werk darstellte, standen die Meistersinger für offenes nationales Agitieren. Nochmals sei hervorgehoben, dass in keiner anderen Oper Wagners so klar vom Deutschtum und deutschen Werten gesprochen wird.

Die Meistersinger von Nürnberg kann man als das musikalische Gegenstück von Deutsche Kunst und deutsche Politik ansehen. Beide behandelten leidenschaftlich die Schnittstelle von Kunst und Politik. Wagner stellte die Partitur der Meistersinger im Oktober 1867 fertig, als gleichzeitig seine Artikelserie in der Süddeutschen Presse erschien. Die Uraufführung der Oper fand im Sommer des darauffolgenden Jahres statt, als auch Deutsche Kunst und deutsche Politik in Buchform herauskam.

Für Wagners schöpferisches Arbeiten waren lange Vorbereitungs- und Ausarbeitungsphasen sowie mehrere parallel laufende Projekte charakteristisch. So gehen die ersten Phasen der Meistersinger auf den Juli des Jahres 1845 zurück, als die ersten Libretto-Fragmente entstanden. Recht eigentlich entstand die Oper allerdings erst in den 60er Jahren. Das Libretto in seinen Hauptzügen entstand in Wien und Paris zwischen November 1861 und Januar 1862. Danach komponierte Wagner mit Unterbrechungen in der Zeit zwischen April 1862 und September 1864. In München konzentrierte sich Wagner aber vor allem auf sein Hauptprojekt, die Fertigstellung der Tetralogie Der Ring des Nibelungen; die Meistersinger hatten zu warten. Vielleicht lag der Grund hierfür darin, dass Wagner Eindruck auf den jungen König machen wollte und es als nicht notwendig betrachtete, sein offen nationalistisches Meistersinger -Projekt weiterzuführen.

Die Meistersinger wurden erst in den Jahren 1866-67 wieder bearbeitet, genauer in einer Situation, wo die deutsche Frage eine ganz andere Bedeutung zu erhalten schien als zuvor. Wagner schrieb das Libretto in Triebschen im Dezember 1866 und Januar 1867 neu. Die kompositorische Arbeit beendete er bis zum 24. Oktober des Jahres 1867. Alles in allem fanden die entscheidende Arbeitsphase erst in den Jahren 1866-67 statt. Wagner hatte das Vorspiel bereits im Jahre 1862 komponiert, stellte den ersten Akt aber erst im März des Jahres 1866 fertig. Danach wurden die zwei weiteren Akte zügig fertiggestellt.

Die Meistersinger sind in Wagners Produktion insofern eine Ausnahme, weil es sich dem Genre nach um eine komische Oper handelt. Handlungsort ist das Nürnberg des 16. Jahrhunderts, wo ein Meistersingen abgehalten wird. Zu Beginn der Oper verliebt sich die Tochter des Goldschmieds Veit Pogner, Eva, in den jungen Ritter Walther von Stolzing, der sich nur vorübergehend in Nürnberg aufhält. Pogner hat jedoch beschlossen, dass der Preis des am Johannisfest auszutragenden Wettbewerbes Eva sein soll. Der Schuster Hans Sachs schlägt vor, dass das Volk den Sieger ausersehen solle, aber der Vorschlag wird abgelehnt: Das Urteil soll von den Meistern (Kritikern) verkündet werden. Einer dieser Kritiker ist der Schreiber Sixtus Beckmesser, der sich auch Chancen auf Eva ausrechnet. In der Nacht träumt Walther einen schönen Traum, auf Grund dessen er ein neues Meisterlied ersinnt. Zuvor allerdings war es ihm nicht gelungen, durch das Probesingen in die Endrunde zu kommen. Jetzt schenkt Hans Sachs Beckmesser die Reime von Walthers Dichtung und bietet ihm die Möglichkeit zum Sieg dar. Im Wettbewerb versagt Beckmesser aber dann, da er nicht seine eigenen Strophen darbietet: Der Stil ist der falsche. Sachs schlägt vor, dass Walther das Lied vortragen dürfe, obschon er beim Probesingen kein Glück gehabt hatte. Walther singt eine schöne Arie ("Morgenlich leuchtend in rosigem Schein ....") und gewinnt. Er lehnt den Titel des Meistersingers ab, aber erhält seine Geliebte, Eva. Die Oper endet mit einem Finale, bei dem Hans Sachs eine Lobpreisung auf die deutschen Meister singt:

Habt acht! Uns drohen üble Streich': -
zerfällt erst deutsches Volk und Reich,
in falscher wälscher Majestät
kein Fürst bald mehr sein Volk versteht;
und wälschen Dunst mit wälschem Tand
sie pflanzen uns in deutsches Land.
Was deutsch und echt wüsst' keiner mehr,
lebt's nicht in deutscher Meister Ehr'.
Drum sag' ich euch:
ehrt eure deutschen Meister,
dann bannt ihr gute Geister!
Und gebt ihr ihrem Wirken Gunst,
zerging in Dunst
das heil'ge röm'sche Reich,
uns bliebe gleich
die heil'ge deutsche Kunst!

Die Meistersinger von Nürnberg schöpften ihren Stoff aus der deutschen Musikgeschichte. Nürnberg war tatsächlich ein Zentrum des Meistergesangs. Das Meistersingen hing eng mit der Tradition des Minnesangs zusammen, und plazierte sich zeitlich gesehen ca. im 14.-16. Jahrhundert. Die Meistersinger waren oft dem Handwerkerstande zugeordnete Dichter und Sänger. Die bekanntesten 'Meister' waren Michael Behaim, Hans Rosenblüth, Hans Folz und - einen der Wagnerschen Protagonisten - Hans Sachs. Offenbar wollte sich Wagner mit dieser Oper an die Tradition der 'deutschen Meister' anhängen. In derselben Weise, wie die Meistersinger des 16. Jahrhunderts gegen fremdartige Kultureinflüsse zu streiten hätten, hätte Wagner die Stellung der deutschen Kunst zu verfechten. Offenbar identifizierte sich Wagner ganz stark mit der Figur des Hans Sachs. Zuweilen pflegte er z.B. seine Mitteilungen mit dem Namen Hans Sachs zu signieren, besonders, wenn es um Angelegenheiten ging, die mit den Meistersingern zu tun hatten. Als die Partitur fertig wurde, telegraphierte er an Hans von Bülow: "Heute Abend Schlag 8 Uhr wird das letze C niedergeschrieben. Bitte um stille Mitfeier. Sachs."

In der Oper schlägt Hans Sachs vor, dass an Stelle der Kritiker das Volk entscheiden solle, wer der beste Meistersinger sei. Dies deckt sich gut mit dem Begriff, den Wagner von den Kritikern hatte. Entscheidend für die Kunst sei es, wie sie dem Gemeinwesen diene, und nicht, welche Beurteilung durch die Kritiker sie erhielte. Beckmesser steht somit fü die Karikatur des einäugigen und engstirnigen Kritikers, der alten, konventionellen Stil imitiert, sich aber heillos lächerlich dabei macht. Als Vorlage zu Beckmesser diente der Musikkritiker Eduard Hanslick von der Wiener Neue Freie Presse. Tatsächlich fand sich im Entwurf des Librettos vom Jahres 1861 noch der Name Hanslich (sic!), erst später änderte Wagner ihn in Beckmesser um. Dieter BORCHMEYER stellt jedoch fest, dass die Gestalt in vielerlei Hinsicht an die komische Dottore-Figur der Commedia dell'arte -Tradition erinnert. Als Wagner die ersten Entwürfe der Oper im Jahre 1845 niederschrieb, hatte sich Hanslick noch positiv zu z.B. dem Vorspiel des Tannhäusers gestellt; erst später verwandelte sich Hanslick in einen Gegner Wagners. Obwohl sich die Figur Beckmessers in diese Schauspieltradition einordnen lässt, ist sie doch in der endgültige Oper sicherlich auch eine Figur, die die Bedeutung des Kritikerstandes in Frage stellt.

Das Wichtigste an den Meistersingern ist deren innige, glühende "Vaterländelei", die das deutsche Publikum ansprechen sollte. Die Möglichkeiten zum Erfolg waren gegeben. Carl DAHLHAUS hat festgestellt, dass das Jahr 1868 in Wagners Karriere ein Wendepunkt in Richtung grösserer Publizität gewesen sei, auch wenn seine Werke bereits vorher bekannt gewesen seien. Die Meistersinger wurden zum Publikumserfolg, zu einem Werk, das auf breiter nationaler Ebene Anklang fand. Das Werk hatte tatsächlich eine Schlüsselstellung bei der Eröffnung von Wagners Schaffen für das deutsche Publikum. Das stellte schon Meyer's KonversationsLexikon in der Ausgabe von 1878 fest: "Letzteres Werk (Meistersinger) machte bald die Runde über alle bedeutenderen deutschen Theater, und Wagner errang eine immer grössere Popularität."

Die Meistersinger verbreiteten sich nach der Uraufführung in München schnell in ganz Deutschland und wurde in vielen Opernhäusern aufgeführt, kurz bevor es 1870 zum Krieg zwischen Frankreich und Deutschland kam. Hans Sachs' "falsche wälsche Majestät" schien geradezu auf den verderblichen Einfluss der französischen Zivilisation anzuspielen, wogegen man sich zum Kampfe zu rüsten habe. Oft nahmen Zeitgenossen auf Frankreich sogar mit den Worten "der wälsche Erbfeind" Bezug. So erhielt Wagners Oper auch eine sehr aktuelle Bedeutung.

Über Wagners Stellung weiss das Blatt 'Signale für die musikalische Welt' in seinem Jahresbericht "Das musikalische Jahr 1869" folgendes zu berichten:

Richard Wagner ist nun einmal jetzt der einzige, lebende deutsche Tondichter, dessen Bühnenwerke, trotz aller ästhetischen Proteste und persönlichen Angriffe, trotz aller Broschüren und Zeitungsartikel, sich immer mehr Terrain erobern und dieses Terrain auch zu behaupten wissen - weil ihr Schöpfer eben ein Genie ist, dessen Berechtigung man nicht leugnen, dessen eminente künstlerische Potenz und Consequenz man anerkennen muss, gleichviel, ob mit Widerstreben oder mit Sympathie.

Das Blatt zählt den unvergleichlichen Siegeszug der Meistersinger zu den wesentlichsten Zügen der deutschen Opernwelt von 1869. Die Uraufführung fand sofort nach Jahreswechsel ihre Weiterführung: Die Oper kam am 21. Januar in Dresden auf die Bühne, in Dessau am 29. Januar, in Karlsruhe am 5. Februar, in Mannheim am 5. März und in Weimar am 28. März. Überall wurde ihr ein interessierter, ja bisweilen sogar stürmischer Empfang bereitet. Als das Blatt 'Signale' die Oper nach ihrer ersten Aufführung in Karlsruhe rezensierte, wurde Wagner zum unbestreitbaren Genie hochgelobt, während das Werk selber "eine deutsche National-Oper" genannt wurde, die "ein Denkmal deutscher Geistessouveränität" sei.

Der "Triumphzug" setzte sich im Jahre 1870 noch klarer als zuvor fort. Im Februar konnte man die Meistersinger sowohl in Wien als auch in Hannover sehen. Im März stand es in Königsberg, im April in Berlin, im Dezember in Leipzig auf dem Programm. Darüber hinaus wurden die Meistersinger in Dresden, Karlsruhe, München und Weimar weiterhin im Repertoire behalten. Der durch die Meistersinger entfachte Enthusiasmus rief auch ein verstärktes Interesse an Wagners bisherigen Opern hervor, die nun begannen, in Deutschland die Runde zu machen: Tannhäuser, der Fliegende Holländer, Lohengrin und sogar Rienzi erhielten ihren Platz in zahlreichen Opernhäusern.

Entscheidend für Wagners Stellung war gewiss die Berliner Aufführung der Meistersinger. Das Musikleben der preussischen Hauptstadt war für seine Altertümlichkeit und Verkrustung bekannt; neue Komponisten wurden immer besonders kritisch gehört. Nur wenige Monate bevor man zu den Waffen griff, schienen die Meistersinger von Nürnberg ein nationales Gefühl von just der Art zu entfachen, für das man auch in Berlin gerade Verwendung hatte. Kein Wunder mithin, dass das Werk "mit grösster Spannung" entgegengenommen wurde und "mit glänzendem Erfolg" über die Bühne ging.


aus Hannu Salmi: "Die Herrlichkeit des deutschen Namens..." Die schriftstellerische und politische Tätigkeit Richard Wagners als Gestalter nationaler Identität während der staatlichen Vereinigung Deutschlands. Annales Universitatis Turkuensis, Ser. B. Tom. 196. Turku 1993, S. 212-218.


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