Richard Wagner:
An das deutsche Heer vor Paris (1871)

Was schweigt es doch im deutschen Dichterwald?
Vergang "Hurrah Germania!" sich so bald?
Schlief bei der Liedertafel-Macht am Rhein
beruhigt sanft "lieb Vaterland" schon ein?
Die deutsche Macht,
da steht sie nun in Frankreichs eitlem Herzen;
von Schlacht zu Schlacht
vergiesst ihr Blut sie unter heissen Schmerzen:
mit stiller Wucht
in frommer Zucht
vollbringt sie nie geahnte Taten,
zu gross für euch, nur ihren Sinn zu raten.

Das eitle Wort, das wusste freilich Rat,
da im Geleis es sich gemütlich trat:
der Deutschen Liederklang und Singesang;
man wähnte, selbst Franzosen macht' er bang.
Du treues Heer,
hast du's mit deinen Siegen nun verbrochen,
dass jetzt nur mehr
in Kammerreden wird von dir gesprochen?
Das hohe Lied
dem Siege-Fried
jetzt singen ängstlich Diplomaten,
vereint mit ärgerlichen Demokraten!

"Zu viel des Sieg's! Mög't ihr bescheid'ner sein:
begnügt euch friedlich mit der Wacht am Rhein!
Lasst uns Paris, wo sich's so hübsch verschwört,
und seid zufrieden mit der Schlacht bei Wörth!" -
Doch unbetört
in ernstem Schweigen schlägst du deine Schlachten:
war unerhört,
das zu gewinnen ist dein männlich Trachten.
Dein eig'nes Lied
in Krieg und Fried'
wirst du, mein herrlich Volk, dir finden,
mög' drob auch mancher Dichterruhm verschwinden!

Das Lied, blick' ich auf deine Taten hin,
aus ihrem Werte ahn' ich seinen Sinn:
fast klingt's wie: "Mut zeigt auch der Mameluck", -
dem folgt: "Gehorsam ist des Christen Schmuck". -
Es ruft der Herr:
und ihn versteht ein ganzes Volk in Waffen,
dem Ruhmgeplärr'
des Übermuts ein Ende da zu schaffen.
Es rafft im Krampf
zu wildem Kampf
sich auf des eitlen Wahns Bekenner:
der Welt doch züchtet Deutschland nur noch Männer.

Drum soll ein Deutscher auch nur Kaiser sein,
im welchen Lande solltet ihr ihn weih'n:
der treuen Mut's sein Werbeamt erfüllt,
dem sei nun seiner Taten Wert enthüllt.
Die uns geraubt,
die würdevollste aller Erdenkronen,
auf seinem Haupt
soll sie der Treue heil'ge Taten lohnen.
So heisst das Lied
vom Siege-Fried,
von deutschen Heeres Tat gedichtet.
Der Kaiser naht: in Frieden sei gerichtet!


Digitized by Hannu Salmi


Back to Richard Wagner Archive