Richard Wagner:
Ich heisse Wilhelm Richard Wagner und bin den 22. Mai
1813 in Leipzig geboren. Mein Vater war Polizei-Aktuarius und
starb ein halbes Jahr nach meiner Geburt. Mein Stiefvater,
Ludwig Geyer, war Schauspieler und Maler; er hat auch einige
Lustspiele geschrieben worunter das eine: "Der
bethlehemitische Kindermord" Glück machte: mit ihm zog meine
Familie nach Dresden. Er wollte, ich sollte Maler werden; ich
war aber sehr ungeschickt im Zeichnen. Auch mein Stiefvater
starb zeitig, - ich war erst sieben Jahr. Kurz vor seinem Tode
hatte ich "üb immer Treu und Redlichkeit" und den damals ganz
neuen "Jungfernkranz" auf dem Klavier spielen gelernt: einen
Tag eh' er starb, musste ich ihm beides im Nebenzimmer
vorspielen; ich hörte ihn da mit schwacher Stimme zu meiner
Mutter sagen: "Sollte er vielleicht Talent zur Musik haben?"
Am frühen Morgen, als er gestorben war, trat die Mutter in die
Kinderstube, sagte jedem der Kinder etwas, und mir sagte sie:
"Aus dir hat er etwas machen wollen." Ich entsinne mich, dass
ich mir lange Zeit eingebildet habe, es würde etwas aus mir
werden. - Ich kam mit meinem neunten Jahre auf die Dresdner
Kreuzschule: ich wollte studieren, an Musik wurde nicht
gedacht; zwei meiner Schwestern lernten gut Klavier spielen,
ich hörte ihnen zu, ohne selbst Klavierunterricht zu erhalten.
Nichts gefiel mir so wie der "Freischütz": ich sah
Weber oft vor unserm Hause vorbeigehen, wenn er aus den
Proben kam; stets betrachtete ich ihn mit heiliger Scheu. Ein
Hauslehrer, der mir den Cornelius Nepos explizierte, musste
mir endlich auch Klavierstunden geben; kaum war ich über die
ersten Fingerübungen hinaus, so studierte ich mir heimlich,
zuerst ohne Noten, die Ouvertüre zum "Freischütz" ein; mein
Lehrer hörte das einmal und sagte: aus mir würde nichts. Er
hatte recht, ich habe in meinem Leben nicht Klavier spielen
gelernt. Nun spielte ich nur noch für mich, nichts wie
Ouvertüren, und mit dem greulichsten Fingersatze. Es war mir
unmöglich, eine Passage rein zu spielen, und ich bekam deshalb
einen grossen Abscheu vor allen Läufen. Von Mozart liebte ich
nur die Ouvertüre zur "Zauberflöte"; "Don Juan" war mir
zuwider, weil da italienischer Text darunterstand; er kam mir
so läppisch vor. - Diese Beschäftigung mit Musik war aber nur
grosse Nebensache: Griechisch, Latein, Mythologie und alte
Geschichte waren die Hauptsache. Ich machte auch Gedichte.
Einmal starb einer unsrer Mitschüler, und von den Lehrern
wurde an uns die Aufgabe gestellt, auf seinen Tod ein Gedicht
zu machen; das beste sollte gedruckt werden: - das meine wurde
gedruckt, jedoch erst, nachdem ich vielen Schwulst daraus
entfernt hatte. Ich war damals elf Jahre alt. Nun wollte ich
Dichter werden; ich entwarf Trauerspiele nach dem Vorbild der
Griechen, wozu mich das Bekannt werden mit Apels Tragödien:
Polyidos, die åtolier usw. antrieb; dabei galt ich in der
Schule für einen guten Kopf in litteris: schon in Tertia hatte
ich die ersten zwölf Bücher der Odyssee übersetzt. Einmal
lernte ich auch Englisch, und zwar bloss um Shakespeare ganz
genau kennenzulernen: ich übersetzte Romeos Monolog metrisch.
Das Englische liess ich bald wieder liegen, Shakespeare aber
blieb mein Vorbild; ich entwarf ein grosses Trauerspiel,
welches ungefähr aus Hamlet und Lear zusammengesetzt war; der
Plan war äusserst grossartig; zweiundvierzig Menschen starben
im Verlaufe des Stückes, und ich sah mich bei der Ausführung
genötigt, die meisten als Geister wiederkommen zu lassen, weil
mir sonst in den letzten Akten die Personen ausgegangen wären.
Dieses Stück beschäftigte mich zwei Jahre lang. Ich verliess
darüber Dresden und die Kreuzschule, und kam nach Leipzig. Auf
der dortigen Nikolaischule setzte man mich nach Tertia,
nachdem ich auf der Dresdner Kreuzschule schon in Sekunda
gesessen; dieser Umstand erbitterte mich so sehr, dass ich von
da an alle Liebe zu den philologischen Studien fahrenliess.
Ich ward faul und lüderlich, bloss mein grosses Trauerspiel
lag mir noch am Herzen. Während ich dieses vollendete, lernte
ich in den Leipziger Gewandhauskonzerten zuerst Beethovensche
Musik kennen; ihr Eindruck auf mich war allgewaltig. Auch mit
Mozart befreundete ich mich, zumal durch sein Requiem.
Beethovens Musik zu "Egmont" begeisterte mich so, dass ich um
alles in der Welt mein fertig gewordenes Trauerspiel nicht
anders vom Stapel laufen lassen wollte, als mit einer
ähnlichen Musik versehen. Ich traute mir ohne alles Bedenken
zu, diese so nötige Musik selbst schreiben zu können, hielt es
aber doch für gut, mich zuvor über einige Hauptregeln des
Generalbasses aufzuklären. Um dies im Fluge zu tun, lieh ich
mir auf acht Tage Logiers Methode des Generalbasses und
studierte mit Eifer darin. Das Studium trug aber nicht so
schnelle Früchte, als ich glaubte; die Schwierigkeiten
desselben reizten und fesselten mich; ich beschloss, Musiker
zu werden. - Während dem war mein grosses Trauerspiel von
meiner Familie entdeckt worden: sie geriet in grosse
Betrübnis, weil am Tage lag, dass ich darüber meine
Schulstudien auf das gründlichste vernachlässigt hatte, und
ich ward somit zu fleissiger Fortsetzung derselben streng
angehalten. Das heimliche Erkenntnis meines Berufes zur Musik
verschwieg ich unter solchen Umständen, komponierte
nichtsdestoweniger aber in aller Stille eine Sonate, ein
Quartett und eine Arie. Als ich mich in meinem musikalischen
Privatstudium hinlänglich herangereift fühlte, trat ich
endlich mit der Entdeckung desselben hervor. Natürlich hatte
ich nun harte Kämpfe zu bestehen, da die Meinigen auch meine
Neigung zur Musik nur für eine flüchtige Leidenschaft halten
mussten, um so mehr, da sie durch keine Vorstudien, besonders
durch etwa bereits erlangte Fertigkeit auf einem Instrument,
gerechtfertigt war. Ich war damals in meinem sechzehnten
Jahre, und zumal durch die Lektüre Hoffmanns zum tollsten
Mystizismus aufgeregt: am Tage, im Halbschlafe hatte ich
Visionen, in denen mir Grundton, Terz und Quinte leibhaft
erschienen und mir ihre wichtige Bedeutung offenbarten: was
ich aufschrieb, starrte von Unsinn. Endlich wurde mir der
Unterricht eines tüchtigen Musikers zugeteilt; der arme Mann
hatte grosse Not mit mir; er musste mir erklären, dass, was
ich für seltsame Gestalten und Gewalten hielt, Intervalle und
Akkorde seien. Was konnte für die Meinigen betrübender sein,
als zu erfahren, dass ich auch in diesem Studium mich
nachlässig und unordentlich erwies? Mein Lehrer schüttelte den
Kopf, und es kam so heraus, als ob auch hier nichts Gescheites
aus mir werden würde. Meine Lust zum Studium erlahmte immer
mehr, und ich zog vor, Ouvertüren für grosses Orchester zu
schreiben, von denen eine einmal im Leipziger Theater
aufgeführt wurde. Diese Ouvertüre war der Kulminationspunkt
meiner Unsinnigkeiten; ich hatte sie eigentlich, zum näheren
Verständnis desjenigen, der die Partitur etwa studieren
wollte, mit drei verschiedenen Tinten schreiben wollen, die
Streichinstrumente rot, die Holzblasinstrumente grün und die
Blechinstrumente schwarz. Beethovens Neunte Symphonie sollte
eine Pleyelsche Sonate gegen diese wunderbar kombinierte
Ouvertüre sein. Bei der Aufführung schadete mir besonders ein
durch die ganze Ouvertüre regelmässig alle drei Takte
wiederkehrender Paukenschlag im Fortissimo: das Publikum ging
aus anfänglicher Verwunderung über die Hartnächigkeit des
Paukenschlägers in unverhohlenen Unwillen, dann aber in eine
mich tief betrübende Heiterkeit über. Diese erste Aufführung
eines von mir komponierten Stückes hinterliess auf mich einen
grossen Eindruck.
Nun kam aber die Julirevolution; mit einem Schlage wurde ich
Revolutionär und gelangte zu der überzeugung, jeder halbwegs
strebsame Mensch dürfte sich ausschliesslich nur mit Politik
beschäftigen. Mir war nur noch im Umgang mit politischen
Literaten wohl: ich begann auch eine Ouvertüre, die ein
politisches Thema behandelte. So verliess ich die Schule und
bezog die Universität, zwar nicht mehr, um mich einem
Fakultätsstudium zu widmen - denn zur Musik war ich nun
dennoch bestimmt - , sondern um Philosophie und åsthetik zu
hören. Von dieser Gelegenheit, mich zu bilden, profitierte ich
so gut als gar nicht; wohl aber überliess ich mich allen
Studentenausschweifungen, und zwar mit so grossem Leichtsinn
und solcher Hingebung, dass sie mich bald anwiderten. Die
Meinigen hatten um diese Zeit grosse Not mit mir: meine Musik
hatte ich fast gänzlich liegenlassen. Bald kam ich aber zur
Besinnung; ich fühlte die Notwendigkeit eines neu zu
beginnenden, streng geregelten Studiums der Musik, und die
Vorsehung liess mich den rechten Mann finden, der mir neue
Liebe zur Sache einflössen und sie durch den gründlichsten
Unterricht läutern sollte. Dieser Mann war Theodor
Weinlig, Kantor an der Thomasschule zu Leipzig. Nachdem
ich mich wohl schon zuvor in der Fuge versucht hatte, begann
ich jedoch erst bei ihm das gründliche Studium des
Kontrapunkts, welches er die glückliche Eigenschaft besass,
den Schüler spielend erlernen zu lassen. In dieser Zeit lernte
ich erst Mozart innig erkennen und lieben. Ich komponierte
eine Sonate, in welcher ich mich von allem Schwulste
losrmachte und einem natürlichen, ungezwungenen Satze
überliess. Diese höchst einfache und bescheidene Arbeit
erschien im Druck bei Breitkopf und Härtel. Mein Studium bei
Weinlig war in weniger als einem halben Jahre beendet, er
selbst entliess mich aus der Lehre, nachdem er mich so weit
gebracht, dass ich die schwierigsten Aufgaben des Kontrapunkts
mit Leichtigkeit zu lösen imstande war. "Das, was Sie sich
durch dieses trockene Studium angeeignet haben, heisst:
Selbständigkeit", sagte er mir. In demselben halben
Jahre komponierte ich auch eine Ouvertüre nach dem jetzt etwas
besser von mir verstandenen Vorbilde Beethovens, welche in
einem der Leipziger Gewandhauskonzerte mit aufmunterndem
Beifall gespielt wurde. Nach mehreren anderen Arbeiten machte
ich mich denn auch an eine Symphonie: an mein Hauptvorbild,
Beethoven, schloss sich Mozart, zumal seine grosse
C-Dur-Symphonie. Klarheit und Kraft, bei manchen sonderbaren
Abirrungen, war mein Bestreben. Mit der fertigen Symphonie
machte ich mich im Sommer 1832 auf zu einer Reise nach Wien,
aus keinem andern Zwecke, als um diese sonst so gepriesene
Musikstadt flüchtig kennenzulernen. Was ich dort hörte und
sah, hat mich wenig erbaut; wohin ich kam, hörte ich "Zampa"
und Strausssche Potpourris über "Zampa". Beides - und
besonders damals - für mich ein Greuel. Auf meiner Rückreise
verweilte ich einige Zeit in Prag, wo ich die Bekanntschaft
Dionys Webers und Tomascheks machte; ersterer liess im
Konservatorium mehrere meiner Kompositionen, unter diesen
meine Symphonie, spielen. Auch dichtete ich dort einen
Operntext tragischen Inhalts: "Die Hochzeit". Ich weiss nicht
mehr, woher mir der mittelalterliche Stoff gekommen war; ein
wahnsinnig Liebender ersteigt das Fenster zum Schlafgemach der
Braut seines Freundes, worin diese der Ankunft des Bräutigams
harrt; die Braut ringt mit dem Rasenden und stürzt ihn in den
Hof hinab, wo er zerschmettert seinen Geist aufgibt. Bei der
Totenfeier sinkt die Braut mit einem Schrei entseelt über die
Leiche hin. Nach Leipzig zurückgekommen komponierte ich
sogleich die erste Nummer dieser Oper, welche ein grosses
Sextett enthielt, worüber Weinlig sehr erfreut war. Meiner
Schwester gefiel das Buch nicht; ich vernichtete es spurlos. -
Im Januar 1833 wurde meine Symphonie im Gewandhauskonzerte
aufgeführt und erhielt viel aufmunternden Beifall. Damals
wurde ich mit Laube bekannt.
Um einen Bruder zu besuchen, reiste ich nach Würzburg und
blieb das ganze Jahr 1833 dort; mein Bruder war mir als
erfahrener Sänger von Wichtigkeit. Ich komponierte in diesem
Jahre eine dreiaktige romantische Oper: "Die Feen", zu der ich
mir den Text nach Gozzis: "Die Frau als Schlange" selbst
gemacht hatte. Beethoven und Weber waren meine Vorbilder: in
den Ensembles war vieles gelungen, besonders versprach das
Finale des zweiten Aktes grosse Wirkung: in den einzelnen
Gesangsstücken fehlte die selbständige freie Melodie, in
welcher der Sänger einzig wirken kann, während er durch
kleinliche detaillierte Deklamation von dem Komponisten aller
freien Wirksamkeit beraubt wird. übelstand der meisten
Deutschen, welche Opern schreiben. In Konzerten gefiel, was
ich aus dieser Oper in Würzburg zu hören gab. Mit meinen
besten Hoffnungen auf meine fertige Arbeit ging ich im Anfang
des Jahres 1834 nach Leipzig zurück und bot sie dem Direktor
des dortigen Theaters zur Aufführung an. Trotz seiner
anfänglich erklärten Bereitwilligkeit, meinem Wunsche zu
willfahren, musste ich jedoch sehr bald dieselbe Erfahrung
machen, die heutzutage jeder deutsche Opernkomponist zu
gewinnen hat: wir sind durch Erfolge der Franzosen und
Italiener auf unsrer heimatlichen Bühne ausser Kredit gesetzt,
und die Aufführung unsrer Opern ist eine zu erbettelnde Gunst.
Die Aufführung meiner "Feen" ward auf die lange Bank
geschoben. Während dem hörte ich die Devrient in
Bellinis "Romeo und Julie" singen: - ich war erstaunt, in
einer so durchaus unbedeutenden Musik eine so
ausserordentliche Leistung ausgeführt zu sehen. Ich geriet in
Zweifel über die Wahl der Mittel, die zu grossen Erfolgen
führen können: weit entfernt war ich, Bellini ein grosses
Verdienst zuzuerkennen; nichtsdestoweniger schien mir aber der
Stoff, aus dem seine Musik gemacht war, glücklicher und
geeigneter, warmes Leben zu verbreiten, als die ängstlich
besorgte Gewissenhaftigkeit, mit der wir Deutsche meist nur
eine gequälte Schein-Wahrheit zustande brachten. Die schlaffe
Charakterlosigkeit unserer heutigen Italiener sowie der
frivole Leichtsinn der neuesten Franzosen schienen mir den
ernsten, gewissenhafte Deutschen aufzufordern, sich der
glücklicher gewählten und ausgebildeten Mittel seiner
Nebenbuhler zu bemächtigen, um es ihnen dann in Hervorbringung
wahrer Kunstwerke entschieden zuvor zu tun.
Damals war ich einundzwanzig Jahre alt, zu Lebensgenuss und
freudiger Weltanschauung aufgelegt; "Ardinghello" und "Das
junge Europa" spukten mir durch alle Glieder: Deutschland
schien mir nur ein sehr kleiner Teil der Welt. Aus dem
abstrakten Mystizismus war ich herausgekommen, und ich lernte
die Materie lieben. Schönheit des Stoffes, Witz und Geist
waren mir herrliche Dinge: was meine Musik betraf, fand ich
beides bei den Italienern und Franzosen. Ich gab mein Vorbild,
Beethoven, auf; seine letzte Symphonie erschien mit als der
Schlussstein einer grossen Kunstepoche, über welchen hinaus
keiner zu dringen vermöge und innerhalb dessen keiner zur
Selbständigkeit gelangen könne. Das schien mir auch
Mendelssohn gefühlt zu haben, als er mit seinen kleineren
Orchester-Kompositionen hervortrat, die grosse abgeschlossene
Form der Beethovenschen Symphonie unberührt lassend; es schien
mir, er wolle, mit einer kleineren, gänzlich freigegebenen
Form beginnend, sich eine grössere selbst erschaffen. - Alles
um mich herum kam mir wie in Gärung begriffen vor; der Gärung
sich zu überlassen, dünkte mich das Natürlichste. Auf einer
schönen Sommerreise in die böhmischen Bäder entwarf ich den
Plan zu einer neuen Oper: "Das Liebesverbot", wozu ich den
Stoff aus Shakespeares: "Mass für Mass" entnahm, nur mit dem
Unterschied, dass ich ihm den darin vorherrschenden Ernst
benahm und ihn so recht im Sinne des jungen Europa modelte:
die freie, offene Sinnlichkeit erhielt den Sieg rein durch
sich selbst über puritanische Heuchelei. - Noch im Sommer
desselben Jahres, 1834, nahm ich die Musikdirektorstelle am
Magdeburger Theater an. Die praktische Anwendung meiner
musikalischen Kenntnisse für die Funktion eines Dirigenten
glückte mir sehr bald: der wunderliche Verkehr mit Sängern und
Sängerinnen hinter den Kulissen und vor den Lampen entsprach
ganz und gar meiner Neigung zu bunter Zerstreuung. Die
Komposition meines "Liebesverbotes" wurde begonnen. In einem
Konzert führte ich die Ouvertüre zu meinen "Feen" auf; sie
gefiel sehr. Trotzdem verlor ich das Behagen an dieser Oper,
und da ich zumal meine Angelegenheiten in Leipzig nicht mehr
persönlich betreiben konnte, fasste ich bald den Entschluss,
mich um diese Arbeit gar nicht mehr zu bekümmern, das hiess
soviel, als sie aufgeben. Zu einem Festspiel für den
Neujahrstag 1835 machte ich im Fluge eine Musik, welche
allgemein ansprach. Dergleichen leichtgewonnene Erfolge
bestärkten mich sehr in der Ansicht, dass, um zu gefallen, man
die Mittel durchaus nicht zu skrupulös erwägen müsse. In
diesem Sinne komponierte ich an meinem "Liebesverbot" fort;
französische und italienische Anklänge zu vermeiden gab ich
mir nicht die geringste Mühe. Auf einige Zeit darin
unterbrochen, nahm ich die Komposition im Winter 1855 zu 1856
wieder auf und beendete sie kurz vor dem Auseinandergehen der
Opernmitglieder des Magdeburger Theaters. Mir blieben nur noch
zwölf Tage bis zum Abgange der ersten Sänger übrig; in dieser
Zeit musste also meine Oper studiert werden, wollte ich sie
noch von ihnen aufführen lassen. Mit mehr Leichtsinn als
überlegung liess ich nach zehntägigem Studium die Oper, welche
sehr starke Partien hatte, in Szene gehen, ich vertraute dem
Souffleur und meinem Dirigentenstabe. Trotzdem konnte ich aber
doch nicht verhindern, dass die Sänger ihre Partien kaum halb
auswendig wussten. Die Vorstellung war allen wie ein Traum,
kein Mensch konnte einen Begriff von der Sache bekommen;
dennoch wurde, was halbweg gut ging, gehörig applaudiert. Eine
zweite Vorstellung kam aus verschiedenen Gründen nicht
zustande. - Während dem hatte sich denn auch der Ernst des
Lebens bei mir gemeldet; meine schnell ergriffene äussere
Selbständigkeit hatte mich zu Torheiten aller Art verleitet,
Geldnot und Schulden quälten mich auf allen Seiten. Es kam mir
bei, irgend etwas Besonderes zu wagen, um nicht in das
gewöhnliche Geleis der Not zu geraten. Ich ging ohne alle
Aussichten nach Berlin und bot dem Direktor des
Königstädtischen Theaters mein "Liebesverbot" zur Aufführung
an. Anfänglich mit den besten Versprechungen aufgenommen,
musste ich nach langem Hinhalten erfahren, dass keine von
ihnen redlich gemeint war. In der schlimmsten Lage verliess
ich Berlin, um mich in Königsberg in Preussen um die
Musikdirektorstelle am dortigen Theater zu bewerben, die ich
späterhin auch erhielt. Dort heiratete ich noch im Herbst
1836, und zwar unter den misslichsten ausseren Verhältnissen.
Das Jahr, welches ich in Königsberg zubrachte, ging durch die
kleinlichsten Sorgen gänzlich für meine Kunst verloren. Eine
einzige Ouvertüre schrieb ich: "Rule Britannia".
Im Sommer 1837 besuchte ich Dresden auf eine kurze Zeit. Dort
brachte mich die Lektüre des Bulwerschen Romans "Rienzi"
wieder auf eine bereits gehegte Lieblingsidee zurück, den
letzten römischen Tribunen zum Helden einer grossen tragischen
Oper zu machen. Durch widerliche äussere Verhältnisse daran
verhindert, beschäftigte ich mich aber nicht weiter mit
Entwürfen. Im Herbste dieses Jahres ging ich nach Riga, um die
Stelle des ersten Musikdirektors bei dem unter Holtei
neu eröffneten Theater anzutreten. Ich fand da vortreffliche
Mittel für die Oper versammelt, und mit vieler Liebe ging ich
an die Verwendung derselben. Mehrere Einlagen in Opern sind
für einzelne Sänger in dieser Zeit von mir komponiert worden.
Auch machte ich den Text zu einer zweiaktigen komischen Oper:
"Die glückliche Bärenfamilie", wozu ich den Stoff aus einer
Erzählung der Tausend und einen Nacht entnahm. Schon hatte ich
zwei Nummern daraus komponiert, als ich mit Ekel inneward,
dass ich wieder auf dem Wege sei, Musik à la Auber zu machen;
mein Gemüt, mein tieferes Gefühl fanden sich trostlos verletzt
bei dieser Entdeckung. Mit Abscheu liess ich die Arbeit
liegen. Das tägliche Einstudieren und Dirigieren Auberscher,
Adamscher und Bellinischer Musik tat denn endlich auch das
Seinige, das leichtsinnige Gefallen daran mir bald gründlich
zu verleiden. Die gänzliche Unmündigkeit des Theaterpublikums
unserer Provinzstädte in bezug auf ein zu fällendes erstes
Urteil über eine neue, ihm vorkommende Kunsterscheinung, - da
es eben nur gewöhnt ist, bereits auswärts beurteilte und
akkreditierte Werke sich vorgeführt zu sehen, - brachte mich
zu dem Entschluss, um keinen Preis an kleineren Theatern eine
grössere Arbeit zur ersten Aufführung zu bringen. Als ich
daher von neuem das Bedürfnis fühlte, eine grössere Arbeit zu
unternehmen, resignierte ich gänzlich auf eine schnell und in
der Nähe zu bewirkende Aufführung derselben: ich nahm ein
bedeutendes Theater an, das sie einst aufführen sollte, und
kümmerte mich nun wenig darum, wo und wann sich das Theater
finden werde. So verfasste ich den Entwurf zu einer grossen
tragischen Oper in fünf Akten: "Rienzi, der letzte der
Tribunen"; ich legte ihn von vornherein so bedeutend an, dass
es unmöglich ward, diese Oper - wenigstens zum ersten Male -
auf einem kleinen Theater zur Aufführung zu bringen. Ausserdem
liess es auch der gewaltige Stoff gar nicht anders zu, und es
herrschte bei meinem Verfahren weniger die Absicht als die
Notwendigkeit vor. Im Sommer 1838 führte ich das Sujet aus. In
dieser Zeit studierte ich mit grosser Liebe und Begeisterung
unserm Opern-Personale Mehuls "Joseph und seine Brüder" ein. -
Als ich im Herbst die Komposition meines "Rienzi" begann, band
ich mich nun an nichts als an die einzige Absicht, meinem
Sujet zu entsprechen: ich stellte mir kein Vorbild, sondern
überliess mich einzig dem Gefühle, das mich verzehrte, dem
Gefühle, dass ich nun so weit sei, von der Entwicklung meiner
künstlerischen Kräfte etwas Bedeutendes zu verlangen und etwas
nicht Unbedeutendes zu erwarten. Der Gedanke, mit
Bewusstsein - wenn auch nur in einem einzigen Takte - seicht
oder trivial zu sein, war mir entsetzlich. Mit voller
Begeisterung setzte ich im Winter die Komposition fort, so
dass ich im Frühjahr 1839 die beiden grossen ersten Akte
fertig hatte. Um diese Zeit ging mein Kontrakt mit dem
Theater-Direktor zu Ende, und besondere Umstände verleideten
es mir, länger in Riga zu bleiben. Bereits seit zwei Jahren
nährte ich den Plan, nach Paris zu gehen; ich hatte deshalb
schon von Königsberg aus den Entwurf eines Opernsujets an
Scribe geschickt, mit dem Vorschlage, denselben, falls er ihm
gefiele, für seine Rechnung auszuführen, und mir dafür den
Auftrag, diese Oper für Paris zu komponieren, zu erwirken.
Natürlich hatte Scribe dies so gut wie unbeachtet gelassen.
Nichtsdestoweniger gab ich meine Pläne nicht auf, ich ging
vielmehr im Sommer 1839 mit Lebhaftigkeit wieder darauf ein
und vermochte kurz und gut meine Frau, sich mit mir an Bord
eines Segelschiffes zu begeben, welches uns bis London bringen
sollte. Diese Seefahrt wird mir ewig unvergesslich bleiben;
sie dauerte drei und eine halbe Woche und war reich an
Unfällen. Dreimal litten wir von heftigem Sturme, und einmal
sah sich der Kapitän genötigt, in einem norwegischen Hafen
einzulaufen. Die Durchfahrt durch die norwegischen Schären
machte einen wunderbaren Eindruck auf meine Phantashie; die
Sage vom fliegenden Holländer, wie ich sie aus dem Munde der
Matrosen bestätigt erhielt, gewann in mir eine bestimmte,
eigentümliche Farbe, die ihr nur die von mir erlebten
Seeabenteuer verleihen konnten. Von der äussert angreifenden
Fahrt ausruhend, verweilten wir acht Tage in London; nichts
interessierte mich so als die Stadt selbst und die
Parlamentshäuser, - von den Theatern besuchte ich keins. In
Boulogne-sur-Mer blieb ich vier Wochen: dort machte ich die
erste Bekanntschaft Meyerbeers, ich liess ihn die
beiden fertigen Akte meines "Rienzi" kennenlernen; er sagte
mir auf das freundlichste eine Unterstützung in Paris zu. Mit
sehr wenig Geld, aber den besten Hoffnungen betrat ich nun
Paris. Gänzlich ohne alle Empfehlungen war ich einzig nur auf
Meyerbeer angewiesen; mit der ausgezeichnetsten Sorgsamkeit
leitete dieser für mich ein, was irgend meinen Zwecken
dienlich sein konnte, und gewiss wäre ich bald zu einem
erwünschten Ziele gekommen, hätte ich es nicht so unglücklich
getroffen, dass gerade während der ganzen Zeit meines Pariser
Aufenthaltes Meyerbeer meistens und fast immer von Paris
entfernt war. Auch aus der Entfernung wollte er mir zwar
nützlich sein, nach seinen eigenen Voraussagungen konnten
briefliche Bemühungen aber da von keinem Erfolge sein, wo
höchstens das unausgesetzteste persönliche Eingreifen von
Wirkung werden kann. Zunächst trat ich in Verbindungen mit dem
Theater de la Renaissance, welches damals Schauspiele und
Opern zugleich aufführte. Am geeignetsten für dieses Theater
schien mir die Partitur meines "Liebesverbotes"; auch das
etwas frivole Sujet wäre gut für die französische Bühne zu
verarbeiten gewesen. Ich war dem Direktor des Theaters von
Meyerbeer so dringend anempfohlen, dass er nicht anders
konnte, als mir die besten Versprechungen zu machen.
Demzufolge erbot sich mir einer der fruchtbarsten Pariser
Theaterdichter, Dumersan, die Bearbeitung des Sujets zu
übernehmen. Drei Stücke, die zu einer Audition bestimmt
wurden, übersetzte Dumersan mit dem grössten Glücke, so dass
sich meine Musik zu dem neuen französischen Texte noch besser
als auf den ursprünglichen deutschen ausnahm; es war eben
Musik, wie sie Franzosen am leichtesten begreifen, und alles
versprach mir den besten Erfolg, als plötzlich das Theater de
la Renaissance Bankrott machte. Alle Mühe, alle Hoffnungen
waren so vergebens gewesen. In demselben Winterhalbjahre, 1839
zu 1840, komponierte ich ausser einer Ouvertüre zu Goethes
"Faust", I. Teil, mehrere französische Lieder, unter andern
auch eine für mich gemachte französische übersetzung der
"Beiden Grenadiere" von H. Heine. An eine möglich zu machende
Aufführung meines "Rienzi" in Paris habe ich nie gedacht, weil
ich mit Sicherheit voraussah, dass ich wenigstens fünf bis
sechs Jahre hätten warten müssen, ehe selbst im glücklichsten
Falle solch ein Plan ausführbar geworden wäre; auch würde die
übersetzung des Textes der bereits zur Hälfte fertig
komponierten Oper unübersteigliche Hindernisse in den Weg
gelegt haben. - So trat ich in den Sommer 1840 gänzlich ohne
alle nächsten Aussichten. Meine Bekanntschaften mit Habeneck,
Halévy, Berlioz usw. führten durchaus zu keiner weitern
Annäherung an diese: in Paris hat kein Künstler Zeit, sich mit
einem andern zu befreunden, jeder ist in Hatz und Eile um
seiner selbst willen. Halévy ist, wie alle Pariser Komponisten
unsrer Zeit, nur so lange von Enthusiasmus für seine Kunst
entflammt gewesen, als es galt, einen grossen Sukzess zu
gewinnen: sobald dieser davongetragen und er in die Reihe der
privilegierten Komponisten-Lions eingetreten war, hatte er
nichts weiter im Sinne, als Opern zu machen und Geld dafür
einzunehmen. Das Renommee ist alles in Paris, das Glück und
der Verderb der Künstler. Berlioz zog mich trotz seiner
abstossenden Natur bei weitem mehr an: er unterscheidet sich
himmelweit von seinen Pariser Kollegen, denn er macht seine
Musik nicht fürs Geld. Für die reine Kunst kann er aber auch
nicht schreiben, ihm entgeht aller Schönheitssinn, und mit
wenigen Ausnahmen ist seine Musik Grimasse. Er steht in seiner
Richtung völlig isoliert: an seiner Seite hat er nichts wie
eine Schar Anbeter, die, flach und ohne das geringste Urteil,
in ihm den Schöpfer eines nagelneuen Musiksystems begrüssen
und ihm den Kopf vollends verdreht machen; - alles übrige
weicht ihm aus wie einem Wahnsinnigen. - Den letzten Stoss
gaben meinen früheren leichtfertigen Ansichten über die Mittel
der Musik - die Italiener. Diese gepriesensten Helden des
Gesanges, Rubini an der Spitze, haben mich vollends gegen ihre
Musik degoutiert. Das Publikum, vor dem sie singen, trug das
Seinige zu dieser Wirkung auf mich bei. Die grosse Pariser
Oper liess mich gänzlich unbefriedigt durch den Mangel alles
Genies in ihren Leistungen: Alles fand ich gewöhnlich und
mittelgut. Die mise en scène und die Dekorationen sind mir,
offen gesagt, das liebste an der ganzen Académie Royale de
musique. Viel eher wäre die Opéra comique mich zu befriedigen
imstande gewesen; sie besitzt die besten Talente, und ihre
Vorstellungen geben ein Ganzes, Eigentümliches, welches wir in
Deutschland nicht kennen. Das, was jetzt für dieses Theater
geschrieben wird, gehört aber zu dem Schlechtesten, was je in
Zeiten der Entartung der Kunst produziert worden ist; wohin
ist die Grazie Méhuls, Isouards, Boieldieus und des
jungen Auber vor den niederträchtigen
Quadrillen-Rhythmen geflohen, die heutzutage ausschliesslich
dies Theater durchrasseln? - Das einzige, was Paris von
Beachtungswertem für den Musiker enthält, sind die
Orchesterkonzerte im Saale des Conservatoirs. Die Aufführungen
der deutschen Instrumentalkompositionen in diesen Konzerten
haben auf mich einen tiefen Eindruck gemacht und mich von
neuem in die wunderbaren Geheimnisse der echten Kunst
eingeweiht. Wer die Neunte Symphonie Beethovens vollkommen
kennenlernen will, der muss sie vom Orchester des
Conservatoirs in Paris aufführen hören. - Diese Konzerte
stehen aber völlig allein da, nichts knüpft sich an sie an.
Ich ging fast gar nicht mit Musikern um: Gelehrte, Maler usw.
bildeten meinen Umgang: ich habe viel schöne Erfahrungen von
Freundschaft in Paris gemacht. - Als ich so gänzlich ohne alle
nächsten Aussichten auf Paris war, ergriff ich wieder die
Komposition meines "Rienzi"; ich bestimmte ihn nun für
Dresden, einmal, weil ich an diesem Theater die besten Mittel
vorhanden wusste, die Devrient, Tichatschek usw., zweitens,
weil ich, auf Bekanntschaften aus meiner frühesten Zeit mich
stützend, dort am ersten Eingang zu finden hoffen durfte. Mein
"Liebesverbot" gab ich nun fast gänzlich auf; ich fühlte, dass
ich mich als Komponisten desselben nicht mehr achten konnte.
Desto unabhängiger folgte ich meinem wahren künstlerischen
Glauben bei der Fortsetzung der Komposition meines "Rienzi".
Mannigfacher Kummer und bittere Not bedrängten um diese Zeit
mein Leben. Plötzlich erschien Meyerbeer wieder auf eine kurze
Zeit in Paris. Mit der liebenswürdigsten Teilnahme erkundigte
er sich nach dem Stande meiner Angelegenheiten und half, wo er
konnte. Nun setzte er mich auch in Verbindung mit dem Direktor
der grossen Oper, Leon Pillet: es war dabei auf eine zwei-
oder dreiaktige Oper abgesehen, deren Komposition für dieses
Theater mir anvertraut werden sollte. Ich hatte für diesen
Fall mich bereits mit einem Sujetentwurfe vorgesehen. Der
"fliegende Holländer", dessen innige Bekanntschaft ich auf der
See gemacht hatte, fesselte fortwährend meine Phantasie; dazu
machte ich die Bekanntschaft von H. Heines eigentümlicher
Anwendung dieser Sage in einem Teile seines "Salons".
Besonders die von Heine erfundene, echt dramatische Behandlung
der Erlösung dieses Ahasverus des Ozeans gab mir alles an die
Hand, diese Sage zu einem Opernsujet zu benutzen. Ich
verständigte mich darüber mit Heine selbst, verfasste den
Entwurf und übergab ihn dem Herrn Leon Pillet mit dem
Vorschlage, mir darnach ein französisches Textbuch machen zu
lassen. So weit war alles eingeleitet, als Meyerbeer abermals
von Paris fortging und die Erfüllung meiner Wünsche dem
Schicksal überlassen musste. Bald war ich erstaunt, von Pillet
zu erfahren, dass der von mir überreichte Entwurf so sehr
gefalle, dass er wünschte, ich träte ihm denselben ab. Er sei
nämlich genötigt, einem ältern Versprechen gemäss einem andern
Komponisten baldigst ein Opernbuch zu übergeben: der von mir
verfasste Entwurf scheine ihm ganz zu solchem Zwecke geeignet,
und ich würde wahrscheinlich kein Bedenken tragen, in die
erbetene Abtretung einzuwilligen, wenn ich überlegte, dass ich
vor dem Verlauf von vier Jahren mir unmöglich Hoffnung machen
könnte, den unmittelbaren Auftrag zur Komposition einer Oper
zu erhalten, da er erst noch Zusagen an mehrere Kandidaten der
grossen Oper zu erfüllen habe; bis dahin dürfte es mir
natürlich doch auch zu lang werden, mich mit diesem Sujet
herumzutragen, ich würde ein neues auffinden, und mich gewiss
über das gebrachte Opfer trösten. Ich bekämpfte hartnäckig
diese Zumutung, ohne jedoch etwas anderes als die vorläufige
Vertagung der Frage ausrichten zu können. Ich rechnete auf
eine baldige Wiederkunft Meyerbeers und schwieg. -- Während
dieser Zeit wurde ich von Schlesinger veranlasst, in dessen
Gazette musicale zu schreiben: ich lieferte mehrere
ausführliche Artikel "über deutsche Musik", "Virtuosentum und
freie Komposition" usw. Vor allem fand lebhaften Beifall eine
kleine Novelle, betitelt: "Eine Pilgerfahrt zu Beethoven".
Diese Arbeiten haben mir nicht wenig geholfen, in Paris
bekannt und beachtet zu werden. Im November dieses Jahres
hatte ich die Partitur meines "Rienzi" vollständig beendigt,
und sandte sie unverzüglich nach Dresden. Diese Zeit war der
Kulminationspunkt meiner äusserst traurigen Lage: ich schrieb
für die Gazette musicale eine kleine Novelle: "Das Ende
eines deutschen Musikers in Paris", worin ich den
unglücklichen Helden derselben mit folgendem
Glaubensbekenntnis sterben liess: "Ich glaube an Gott, Mozart
und Beethoven." Gut war es, dass nun meine Oper beendet war,
denn jetzt sah ich mich genötigt, auf längere Zeit der
Ausübung aller Kunst zu entsagen: ich musste für Schlesinger
Arrangements für alle Instrumente der Welt, selbst für Cornet
à pistons übernehmen, denn unter dieser Bedingung war mir eine
kleine Erleichterung meiner Lage gestattet. Den Winter zu 1841
durchbrachte ich somit auf das unrühmlichste. Im Frühjahr zog
ich auf das Land nach Meudon; bei dem warmen Herannahen des
Sommers sehnte ich mich wieder nach einer geistigen Arbeit;
die Veranlassung dazu sollte mir schneller kommen, als ich
dachte. Ich erfuhr nämlich, dass mein Entwurf des Textes zum
"fliegenden Holländer" bereits einem Dichter, Paul Fouché,
übergeben war, und ich sah, dass, erklärte ich mich endlich
zur Abtretung desselben nicht bereit, ich unter irgendeinem
Vorwande gänzlich darum kommen würde. Ich willigte also
endlich für eine gewisse Summe in die Abtretung meines
Entwurfes ein. Ich hatte nun nichts Eiligeres zu tun, als mein
Sujet selbst in deutschen Versen auszuführen. Um sie zu
komponieren, hatte ich ein Klavier nötig, denn nach
dreivierteljähriger Unterbrechung alles musikalischen
Produzierens musste ich mich erst wieder in eine musikalische
Atmosphäre zu versetzen suchen: ich mietete ein Piano. Nachdem
es angekommen, lief ich in wahrer Seelenangst umher; ich
fürchtete nun entdecken zu müssen, dass ich gar nicht mehr
Musiker sei. Mit dem Matrosenchor und dem Spinnerlied begann
ich zuerst; alles ging mir im Fluge vonstatten, und laut auf
jauchzte ich vor Freude bei der innig gefühlten Wahrnehmung,
dass ich noch Musiker sei. In sieben Wochen war die ganze Oper
komponiert. Am Ende dieser Zeit überhäuften mich aber wieder
die niedrigsten äusseren Sorgen: zwei volle Monate dauerte es,
ehe ich dazu kommen konnte, die Ouvertüre zu der fertigen Oper
zu schreiben, trotzdem ich sie fast fertig im Kopfe herumtrug.
Natürlich lag mir nun nichts so sehr am Herzen, als die Oper
schnell in Deutschland zur Aufführung zu bringen: von München
und Leipzig erhielt ich abschlägige Antwort: die Oper eigne
sich nicht für Deutschland, hiess es. Ich Tor hatte geglaubt,
sie eigne sich nur für Deutschland, da sie Saiten berührt, die
nur bei dem Deutschen zu erklingen imstande sind. - Endlich
schickte ich meine neue Arbeit an Meyerbeer nach Berlin, mit
der Bitte, ihr die Annahme an dem dortigen Hoftheater zu
verschaffen. Mit ziemlicher Schnelle wurde diese bewirkt. Da
bereits auch mein "Rienzi" für das Dresdner Hoftheater
angenommen war, so sah ich nun der Aufführung zweier meiner
Werke auf den ersten deutschen Bühnen entgegen, und
unwillkürlich drängte sich mir die Ansicht auf, dass
sonderbarerweise Paris mir vom grössten Nutzen für Deutschland
gewesen sei. Für Paris selbst war ich jetzt auf einige Jahre
aussichtslos; ich verliess es daher im Frühjahr 1842. Zum
ersten Male sah ich den Rhein, - mit hellen Tränen im Auge
schwur ich armer Künstler meinem deutschen Vaterlande ewige
Treue.
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