Richard Wagner:
Über die Benennung "Musikdrama"
(Musikalisches Wochenblatt 8. November 1872)

Wir lesen jetzt öfter von einem "Musikdrama", erfahren auch, dass z.B. in Berlin es sich darum handelt, diesem Musikdrama auf dem Wege der Vereinsthätigkeit förderlich zu werden, ohne uns recht vorstellen zu können, was hiermit gemeint sei. Zwar habe ich Grund anzunehmen, dass mit dieser Bezeichnung zuerst meinen neueren dramatischen Arbeiten die Ehre; je weniger ich mich aber geneigt finden konnte, diese mir anzueignen, desto mehr gewahre ich dagegen andererseits die Neigung, mit dem Namen "Musikdrama" einen neuen Kunstgenre zu bestimmen, welcher, sehr vermuthlich auch ohne meinen Vorgang, als einfach der Stimmung und den Anforderungen der Zeit und ihren Tendenzen entsprechend, sich nothwendig herausbilden musste, und nun für Jeden, etwan als bequemes Nest zum Ausbrüten seiner musikalischen Eier, bereit liege.

Ich kann mich der schmeichelnden Ansicht einer so angenehmen Lage der Dinge nicht hingeben, und diess um so weniger, als ich nicht weiss, was ich unter dem Namen "Musikdrama" begreifen soll. Wenn wir mit Sinn und Verstand, dem Geiste unserer Sprache gemäss, zwei Substantive zu einem Worte verbinden, so bezeichnen wir mit dem vorangestellten jedesmal in irgend welcher Weise den Zweck des nachfolgenden, so dass "Zukunftsmusik", obwohl eine Erfindung zu meiner Verhöhnung, dennoch ist: Musik für die Zukunft, einen Sinn hatte. In gleicher Weise erklärt, würde aber "Musikdrama", als: Drama zum Zweck der Musik, gar keinen Sinn haben, wenn nicht damit geradesweges das altgewohnte Opernlibretto bezeichnet wäre, welches allerdings recht eigentlich ein für die Musik hergerichtetes Drama war. Diess meint man jedoch gewiss nicht: nur ist uns durch das beständige Lesen der Elaborate unserer Zeitungsschreiber und sonstiger schöngeistiger Litteraten das Bewusstsein eines richtigen Sprachgebrauches so sehr abhanden gekommen, dass wir den von Jenen erfundenen unsinnigsten Wortbildungen nach Belieben einen Sinn unterlegen zu dürfen glauben, wie wir denn diessmal hier mit "Musikdrama" gerade das Gegentheil des mit dem Worte gegebenen Sinnes bezeichnen wollen.

Betrachten wir den Fall nun aber näher, so ersehen wir, dass die Verhunzung der Sprache diessmal in der so beliebt gewordenen Umwandelung eines vorangehenden Adjectives in ein vorangeheftetes Substantiv besteht: anfänglich sagte man nämlich "musikalisches Drama". Vielleicht war es aber nicht nur jener so eben bezüchtigte übele Geist der Sprache, welcher die Verkürzung dieses musikalischen Drama's zu einem "Musikdrama" vornahm, sondern auch ein dunkeles Gefühl davon, dass ein Drama unmöglich musikalisch sein könnte, etwa wie ein Instrument, oder gar (was selten genug vorkommt) eine Sängerin "musikalisch" ist. Ein "musikalisches Drama" wäre, streng genommen, ein Drama gewesen, welches entweder selbst Musik macht, oder auch zum Musikmachen tauglich ist, oder gar Musik versteht, etwa wie unsere musikalischen Rezensenten. Da diese nicht passen wollte, verbarg sich der unklare Sinn besser hinter einem völlig unsinnigen Worte: denn mit "Musikdrama" war etwas gesagt, was kein Mensch noch gehört hatte, und gegen dessen Misdeutung man dadurch gesichert erschien, dass man annahm, bei einem so ernstlich zusammengestellten Worte werde doch Niemand etwan an die Analogie mit "Musikdosen" u. dgl. denken.

Der ernstlich gemeinte Sinn der Bezeichnung was dagegen wohl: ein in Musik gesetztes wirkliches Drama. Die geistige Betonung des Wortes fiele somit auf das Drama, welches man sich vom bisherigen Opernlibretto verschieden dachte, und zwar namentlich darin verschieden, dass in ihm eine dramatische Handlung nicht eben nur für die Bedürfnisse der herkömmlichen Opernmusik hergerichtet, sondern im Gegentheile die musikalische Konstruktion durch die charakteristischen Bedürfnisse eines wirklichen Drama's bestimmt werden sollte. War nun das "Drama" hierbei die Hauptsache, so hätte dieses wohl gar der "Musik" vorangestellt werden müssen, da diese durch jenes näher bestimmt wurde, und, etwa wie "Tanzmusik" oder "Tafelmusik", hätten wir nun "Dramamusik" sagen müssen. Auf diesen Unsinn glaubte man nun wiederum nicht verfallen zu dürfen; denn, man mochte es drehen und wenden wie man wollte, die "Musik" blieb immer das eigentlich Störende für die Benennung, obwohl Jeder doch wiederum dunkel fühlte, dass sie trotz allem Anscheine die Hauptsache sei, und diess nur noch mehr, wenn ihr durch das ihr zugestellte wirkliche Drama die allerreichste Entwickelung und Kundgebung ihrer Fähigkeiten zugemuthet ward.

Das Missliche für die Aufstellung einer Benennung des gemeinten Kunstwerkes war demnach jedenfalls die Annahme einer Nöthigung zur Bezeichnung zweier disparater Elemente, der Musik und des Drama's, aus deren Verschmelzung man das neue Ganze hergestellt sehen zu müssen vermeinte. Das Schwierigste hierbei ist jedenfalls, die "Musik" in eine richtige Stellung zum "Drama" zu bringen, da sie, wie wir dieses so eben ersehen mussten, mit diesem in keine ebenbürtige Verbindung zu bringen ist, und uns entweder viel mehr, oder viel weniger als das Drama gelten muss. Der Grund hiervon liegt wohl darin, dass unter dem Namen der Musik eine Kunst, ja ursprünglich sogar der Inbegriff aller Kunst überhaupt, unter dem des Drama aber recht eigentlich eine That der Kunst verstanden wird. Wenn wir Worte aneinanderfügen und verbinden, zeigt es sich an der leichten Verständlichkeit des zusammengesetzten neuen Wortes sehr deutlich, ob wir die einzelnen Theile desselben für sich genommen noch recht verstehen, oder sie nur nach einer konventionellen Annahme noch verwenden. Nun heisst "Drama" ursprünglich That oder Handlung: als solche, auf der Bühne dargestellt, bildete sie anfänglich einen Theil der Tragödie, d.h. des Opferchor-Gesanges, dessen ganze Breite das Drama endlich einnahm und so zur Hauptsache ward. Mit seinem Namen bezeichnete man nun für alle Zeiten eine auf einer Schaubühne dargestellte Handlung, wobei das Wichtigste war, dass dieser Darstellung zugeschaut werden konnte, wesshalb der Raum, in welchem man sich hierzu versammelte, das "Theatron", der Schauraum hiess. Unser "Schauspiel" ist daher eine sehr verständige Benennung dessen, was die Griechen noch naiver mit "Drama" bezeichneten; denn hiermit ist noch bestimmter die charakteristische Ausbildung eines anfänglichen Theiles zum schliesslichen Hauptgegenstande ausgedrückt. Zu diesem "Schauspiele" verhält sich nun die Musik in einer durchaus fehlerhaften Stellung, wenn sie jetzt nur als ein Theil jenes Ganzen gedacht wird; als solcher ist sie durchaus überflüssig und störend, wesshalb sie auch vom strengen Schauspiele endlich gänzlich ausgeschieden worden ist. Hiergegen ist sie in Wahrheit "der Theil, der Anfang Alles war", und ihre alte Würde als Mutterschooss auch des Drama's wieder einzunehmen, dazu fühlt sie eben jetzt sich berufen. In dieser Würde hat sie sich aber weder vor, noch hinter das Drama zu stellen: sie ist nicht sein Nebenbuhler, sondern seine Mutter. Sie tönt, und was sie tönt, möget Ihr dort auf der Bühne erschauen; dazu versammelte sie Euch: denn was sie ist, das könnt Ihr stets nur ahnen; und desshalb eröffnet sie Euren Blicken sich durch das scenische Gleichniss, wie die Mutter den Kindern die Mysterien der Religion durch die Erzählung der Legende vorführt.

Die ungeheuren Werke ihres Aischylos nannten die Athener nicht dramen, sondern sie liessen ihnen den heiligen Namen ihrer Herkunft: "Tragödien", Opfergesänge zur Feier des begeisternden Gottes. Wie glücklich waren sie, keinen Namen hierfür zu ersinnen zu haben! Sie hatten das unerhörteste Kunstwerk, und - liessen es namenlos. Aber es kamen die grossen Kritiker, die gewaltigen Rezensenten; nun wurden Begriffe gefunden, und wo diese endlich ausgingen, kamen die absoluten Worte daran. Ein hübsches Verzeichniss davon giebt uns der gute Polonius im "Hamlet" zum Besten. Die Italiener brachten ein "Drama per musica" zu Stande, welches, nur mit verständigerer Wortfassung, ungefähr unser "Musikdrama" ausdrückt; offenbar fand man aber diesen Ausdruck nicht befriedigend, und das wunderliche Wesen, welches hier unter der Zucht der Gesangsvirtuosen gedieh, musste einen gerade so nichtssagenden Namen erhalten, als es der Genre selbst war. "Opera", Plural von "Opus", hiess diese neue Gattung von "Werken", aus welchen die Italiener Weibchen, die Franzosen aber Männchen machten, wodurch die neue Gattung sich als Generis utriusque herauszustellen schien. Ich glaube, man kann keine zutreffendere Kritik der "Oper" geben, als wenn der Entstehung dieses Namens derselbe richtige Takt zugesprochen wird, wie derjenigen des Namens der "Tragödie"; hier wie dort waltete keine Vernunft, sondern ein tiefer Instinkt bezeichnete dort etwas namenlos Unsinniges, hier etwas unnennbar Tiefsinniges.

Ich rathe nun meinen Herren Fachkonkurrenten, für ihre der Bühne des heutigen Theaters gewidmeten musikalischen Arbeiten recht wohlbedächtig die Benennung "Oper" beizuhalten: diess lässt sie da wo sie sind, sieht ihnen kein falsches Ansehen, überhebt sie jeder Rivalität mit ihrem Textdichter, und, haben sie gute Einfälle für eine Arie, ein Duett, oder gar einen Trinkchor, so werden sie gefallen und Anerkennungswerthes leisten, ohne sich über die Gebühr anzustrengen, um am Ende gar noch ihre hübschen Einfälle zu verderben. Zu jeder Zeit hat es, wie Pantomimiker, so auch Citherspieler, Flötenbläser, und endlich Cantores, welche dazu sangen, gegeben: sind diese hie und da einmal berufen worden, etwas aus ihrer Art und Gewohnheit Hinausschlagendes zu leisten, so geschah diess durch sehr einzeln stehende Wesen, auf welche man, ihrer unvergleichlichen Seltenheit wegen, über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg mit dem Finger der Geschichte weist; nie aber ist daraus ein Genre entstanden, in welchem, sobald man nur den rechten Namen dafür gefunden, das Ausserordentliche für jeden Zutappenden zum gemeinen Gebrauche dagelegen hätte. In dem vorliegenden Falle wüsste ich selbst aber mit dem besten Willen nicht, welchen Namen ich dem Kinde geben sollte, welches aus meinen Arbeiten einen guten Theil der Mitwelt ziemlich befremdet anlächelt. Herrn W.A. Riehl vergeht, wie er irgendwo versicherte, bei meinen Opern Hören und Sehen, während er bei einigen hört, bei anderen sieht: wie soll man nun ein solches unhör- und unsichtbares Ding nennen? Fast wäre ich geneigt gewesen, mich auf die Sichtbarkeit desselben einzig zu berufen, und somit an das "Schauspiel" mich zu halten, da ich meine Dramen gern als ersichtlich gewordene Thaten der Musik bezeichnet hätte. Das wäre denn nun ein recht kunstphilosophischer Titel gewesen, und hätte gut in die Register der zukünftigen Poloniusse unserer kunstsinnigen Höfe gepasst, von welchen man annehmen darf, dass sie, nach den Erfolgen ihrer Soldaten, nächstens auch das Theater im entsprechenden deutschen Sinne vorwärts führen lassen werden. Allein, trotz allem dargebotenen Schauspiele, wovon Viele behaupten, dass es in das Monströse ginge, würde bei mir am Ende doch noch zu wenig zu sehen sein; wie mir denn z.B. vorgeworfen worden ist, dass ich im zweiten Akte des "Tristan" versäumt hätte ein glänzendes Ballfest vor sich gehen zu lassen, während welches sich das unselige Liebespaar zur rechten Zeit in irgend ein Bosquet verloren hätte, wo dann ihre Entdeckung einen gehörig skandalösen Eindruck und alles dazu sonst noch Passende veranlasst haben würde: statt dessen geht nun in diesem Akte fast gar nichts wie Musik vor sich, welche leider wieder so sehr Musik zu sein scheint, dass Leuten von der Organisation des Herrn W.A. Riehl darüber das Hören vergeht, was um so schlimmer ist, da ich dabei fast gar nichts zu sehen biete.

So musste ich denn, da man sie, namentlich ihrer grossen Unähnlichkeit mit "Don Juan" wegen, auch nicht als "Opern" passiren lassen wollte, verdriesslicher Weise mich entschliessen, meine armen Arbeiten den Theatern ohne alle Benennung ihres Genre's zu übergeben; und, bei diesem Auskunftsmittel gedenke ich zu verbleiden, so lange ich eben mit unseren Theatern zu thun habe, welche mit Recht nichts anderes als "Opern" kennen, und, man gebe ihnen ein noch so korrektes "Musikdrama", doch wieder eine "Oper" daraus machen. Um aus der hieraus entstehenden Verwirrung für einmal kräftig herauszukommen, gerieth ich, wie bekannt, auf den Gedanken des Bühnenfestspieles, welches ich nun mit Hilfe meiner Freunde in Bayreuth zu Stande zu bringen hoffe. Die Benennung hiervon ist mir durch den Charakter meiner Unternehmung eingegeben worden, da ich Gesangfeste, Turnfeste u.s.w. kannte, und mir nun recht wohl auch ein Theaterfest vorstellen durfte, bei welchem bekanntlich die Bühne mit den Vorgängen auf ihr, welche wir sehr sinnig als ein Spiel aufzufassen haben, die ersichtlichste Hauptsache ist. Wer nun diesem Bühnenfestspiele einmal beigewohnt haben wird, behält dann vielleicht auch eine Erinnerung daran, und hierbei fällt ihm wohl ebenfalls ein Name für Dasjenige ein, was ich jetzt als namenlose künstlerische That meinen Freunden darzubieten beabsichtige.


Digitized by Hannu Salmi


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