Richard Wagner:
Wir lesen jetzt öfter von einem "Musikdrama", erfahren auch,
dass z.B. in Berlin es sich darum handelt, diesem Musikdrama
auf dem Wege der Vereinsthätigkeit förderlich zu werden, ohne
uns recht vorstellen zu können, was hiermit gemeint sei. Zwar
habe ich Grund anzunehmen, dass mit dieser Bezeichnung zuerst
meinen neueren dramatischen Arbeiten die Ehre; je weniger ich
mich aber geneigt finden konnte, diese mir anzueignen, desto
mehr gewahre ich dagegen andererseits die Neigung, mit dem
Namen "Musikdrama" einen neuen Kunstgenre zu bestimmen,
welcher, sehr vermuthlich auch ohne meinen Vorgang, als
einfach der Stimmung und den Anforderungen der Zeit und ihren
Tendenzen entsprechend, sich nothwendig herausbilden musste,
und nun für Jeden, etwan als bequemes Nest zum Ausbrüten
seiner musikalischen Eier, bereit liege.
Ich kann mich der schmeichelnden Ansicht einer so angenehmen
Lage der Dinge nicht hingeben, und diess um so weniger, als
ich nicht weiss, was ich unter dem Namen "Musikdrama"
begreifen soll. Wenn wir mit Sinn und Verstand, dem Geiste
unserer Sprache gemäss, zwei Substantive zu einem Worte
verbinden, so bezeichnen wir mit dem vorangestellten jedesmal
in irgend welcher Weise den Zweck des nachfolgenden, so dass
"Zukunftsmusik", obwohl eine Erfindung zu meiner Verhöhnung,
dennoch ist: Musik für die Zukunft, einen Sinn hatte. In
gleicher Weise erklärt, würde aber "Musikdrama", als: Drama
zum Zweck der Musik, gar keinen Sinn haben, wenn nicht damit
geradesweges das altgewohnte Opernlibretto bezeichnet wäre,
welches allerdings recht eigentlich ein für die Musik
hergerichtetes Drama war. Diess meint man jedoch gewiss nicht:
nur ist uns durch das beständige Lesen der Elaborate unserer
Zeitungsschreiber und sonstiger schöngeistiger Litteraten das
Bewusstsein eines richtigen Sprachgebrauches so sehr abhanden
gekommen, dass wir den von Jenen erfundenen unsinnigsten
Wortbildungen nach Belieben einen Sinn unterlegen zu dürfen
glauben, wie wir denn diessmal hier mit "Musikdrama" gerade
das Gegentheil des mit dem Worte gegebenen Sinnes bezeichnen
wollen.
Betrachten wir den Fall nun aber näher, so ersehen wir, dass
die Verhunzung der Sprache diessmal in der so beliebt
gewordenen Umwandelung eines vorangehenden Adjectives in ein
vorangeheftetes Substantiv besteht: anfänglich sagte man
nämlich "musikalisches Drama". Vielleicht war es aber nicht
nur jener so eben bezüchtigte übele Geist der Sprache, welcher
die Verkürzung dieses musikalischen Drama's zu einem
"Musikdrama" vornahm, sondern auch ein dunkeles Gefühl davon,
dass ein Drama unmöglich musikalisch sein könnte, etwa wie ein
Instrument, oder gar (was selten genug vorkommt) eine Sängerin
"musikalisch" ist. Ein "musikalisches Drama" wäre, streng
genommen, ein Drama gewesen, welches entweder selbst Musik
macht, oder auch zum Musikmachen tauglich ist, oder gar Musik
versteht, etwa wie unsere musikalischen Rezensenten. Da diese
nicht passen wollte, verbarg sich der unklare Sinn besser
hinter einem völlig unsinnigen Worte: denn mit "Musikdrama"
war etwas gesagt, was kein Mensch noch gehört hatte, und gegen
dessen Misdeutung man dadurch gesichert erschien, dass man
annahm, bei einem so ernstlich zusammengestellten Worte werde
doch Niemand etwan an die Analogie mit "Musikdosen" u. dgl.
denken.
Der ernstlich gemeinte Sinn der Bezeichnung was dagegen wohl:
ein in Musik gesetztes wirkliches Drama. Die geistige Betonung
des Wortes fiele somit auf das Drama, welches man sich
vom bisherigen Opernlibretto verschieden dachte, und zwar
namentlich darin verschieden, dass in ihm eine dramatische
Handlung nicht eben nur für die Bedürfnisse der herkömmlichen
Opernmusik hergerichtet, sondern im Gegentheile die
musikalische Konstruktion durch die charakteristischen
Bedürfnisse eines wirklichen Drama's bestimmt werden sollte.
War nun das "Drama" hierbei die Hauptsache, so hätte dieses
wohl gar der "Musik" vorangestellt werden müssen, da diese
durch jenes näher bestimmt wurde, und, etwa wie "Tanzmusik"
oder "Tafelmusik", hätten wir nun "Dramamusik" sagen müssen.
Auf diesen Unsinn glaubte man nun wiederum nicht verfallen zu
dürfen; denn, man mochte es drehen und wenden wie man wollte,
die "Musik" blieb immer das eigentlich Störende für die
Benennung, obwohl Jeder doch wiederum dunkel fühlte, dass sie
trotz allem Anscheine die Hauptsache sei, und diess nur noch
mehr, wenn ihr durch das ihr zugestellte wirkliche Drama die
allerreichste Entwickelung und Kundgebung ihrer Fähigkeiten
zugemuthet ward.
Das Missliche für die Aufstellung einer Benennung des
gemeinten Kunstwerkes war demnach jedenfalls die Annahme einer
Nöthigung zur Bezeichnung zweier disparater Elemente, der
Musik und des Drama's, aus deren Verschmelzung man das neue
Ganze hergestellt sehen zu müssen vermeinte. Das Schwierigste
hierbei ist jedenfalls, die "Musik" in eine richtige Stellung
zum "Drama" zu bringen, da sie, wie wir dieses so eben ersehen
mussten, mit diesem in keine ebenbürtige Verbindung zu bringen
ist, und uns entweder viel mehr, oder viel weniger als das
Drama gelten muss. Der Grund hiervon liegt wohl darin, dass
unter dem Namen der Musik eine Kunst, ja ursprünglich
sogar der Inbegriff aller Kunst überhaupt, unter dem des Drama
aber recht eigentlich eine That der Kunst verstanden
wird. Wenn wir Worte aneinanderfügen und verbinden, zeigt es
sich an der leichten Verständlichkeit des zusammengesetzten
neuen Wortes sehr deutlich, ob wir die einzelnen Theile
desselben für sich genommen noch recht verstehen, oder sie nur
nach einer konventionellen Annahme noch verwenden. Nun heisst
"Drama" ursprünglich That oder Handlung: als
solche, auf der Bühne dargestellt, bildete sie anfänglich
einen Theil der Tragödie, d.h. des Opferchor-Gesanges, dessen
ganze Breite das Drama endlich einnahm und so zur Hauptsache
ward. Mit seinem Namen bezeichnete man nun für alle Zeiten
eine auf einer Schaubühne dargestellte Handlung, wobei das
Wichtigste war, dass dieser Darstellung zugeschaut werden
konnte, wesshalb der Raum, in welchem man sich hierzu
versammelte, das "Theatron", der Schauraum hiess. Unser
"Schauspiel" ist daher eine sehr verständige Benennung dessen,
was die Griechen noch naiver mit "Drama" bezeichneten; denn
hiermit ist noch bestimmter die charakteristische Ausbildung
eines anfänglichen Theiles zum schliesslichen Hauptgegenstande
ausgedrückt. Zu diesem "Schauspiele" verhält sich nun die
Musik in einer durchaus fehlerhaften Stellung, wenn sie jetzt
nur als ein Theil jenes Ganzen gedacht wird; als solcher ist
sie durchaus überflüssig und störend, wesshalb sie auch vom
strengen Schauspiele endlich gänzlich ausgeschieden worden
ist. Hiergegen ist sie in Wahrheit "der Theil, der Anfang
Alles war", und ihre alte Würde als Mutterschooss auch des
Drama's wieder einzunehmen, dazu fühlt sie eben jetzt sich
berufen. In dieser Würde hat sie sich aber weder vor, noch
hinter das Drama zu stellen: sie ist nicht sein Nebenbuhler,
sondern seine Mutter. Sie tönt, und was sie tönt, möget Ihr
dort auf der Bühne erschauen; dazu versammelte sie Euch: denn
was sie ist, das könnt Ihr stets nur ahnen; und desshalb
eröffnet sie Euren Blicken sich durch das scenische
Gleichniss, wie die Mutter den Kindern die Mysterien der
Religion durch die Erzählung der Legende vorführt.
Die ungeheuren Werke ihres Aischylos nannten die Athener nicht
dramen, sondern sie liessen ihnen den heiligen Namen ihrer
Herkunft: "Tragödien", Opfergesänge zur Feier des
begeisternden Gottes. Wie glücklich waren sie, keinen Namen
hierfür zu ersinnen zu haben! Sie hatten das unerhörteste
Kunstwerk, und - liessen es namenlos. Aber es kamen die
grossen Kritiker, die gewaltigen Rezensenten; nun wurden
Begriffe gefunden, und wo diese endlich ausgingen, kamen die
absoluten Worte daran. Ein hübsches Verzeichniss davon giebt
uns der gute Polonius im "Hamlet" zum Besten. Die Italiener
brachten ein "Drama per musica" zu Stande, welches, nur mit
verständigerer Wortfassung, ungefähr unser "Musikdrama"
ausdrückt; offenbar fand man aber diesen Ausdruck nicht
befriedigend, und das wunderliche Wesen, welches hier unter
der Zucht der Gesangsvirtuosen gedieh, musste einen gerade so
nichtssagenden Namen erhalten, als es der Genre selbst war.
"Opera", Plural von "Opus", hiess diese neue Gattung von
"Werken", aus welchen die Italiener Weibchen, die Franzosen
aber Männchen machten, wodurch die neue Gattung sich als
Generis utriusque herauszustellen schien. Ich glaube,
man kann keine zutreffendere Kritik der "Oper" geben, als wenn
der Entstehung dieses Namens derselbe richtige Takt
zugesprochen wird, wie derjenigen des Namens der "Tragödie";
hier wie dort waltete keine Vernunft, sondern ein tiefer
Instinkt bezeichnete dort etwas namenlos Unsinniges, hier
etwas unnennbar Tiefsinniges.
Ich rathe nun meinen Herren Fachkonkurrenten, für ihre der
Bühne des heutigen Theaters gewidmeten musikalischen Arbeiten
recht wohlbedächtig die Benennung "Oper" beizuhalten: diess
lässt sie da wo sie sind, sieht ihnen kein falsches Ansehen,
überhebt sie jeder Rivalität mit ihrem Textdichter, und, haben
sie gute Einfälle für eine Arie, ein Duett, oder gar einen
Trinkchor, so werden sie gefallen und Anerkennungswerthes
leisten, ohne sich über die Gebühr anzustrengen, um am Ende
gar noch ihre hübschen Einfälle zu verderben. Zu jeder Zeit
hat es, wie Pantomimiker, so auch Citherspieler, Flötenbläser,
und endlich Cantores, welche dazu sangen, gegeben: sind diese
hie und da einmal berufen worden, etwas aus ihrer Art und
Gewohnheit Hinausschlagendes zu leisten, so geschah diess
durch sehr einzeln stehende Wesen, auf welche man, ihrer
unvergleichlichen Seltenheit wegen, über Jahrhunderte und
Jahrtausende hinweg mit dem Finger der Geschichte weist; nie
aber ist daraus ein Genre entstanden, in welchem,
sobald man nur den rechten Namen dafür gefunden, das
Ausserordentliche für jeden Zutappenden zum gemeinen Gebrauche
dagelegen hätte. In dem vorliegenden Falle wüsste ich selbst
aber mit dem besten Willen nicht, welchen Namen ich dem Kinde
geben sollte, welches aus meinen Arbeiten einen guten Theil
der Mitwelt ziemlich befremdet anlächelt. Herrn W.A. Riehl
vergeht, wie er irgendwo versicherte, bei meinen Opern Hören
und Sehen, während er bei einigen hört, bei anderen sieht: wie
soll man nun ein solches unhör- und unsichtbares Ding nennen?
Fast wäre ich geneigt gewesen, mich auf die Sichtbarkeit
desselben einzig zu berufen, und somit an das "Schauspiel"
mich zu halten, da ich meine Dramen gern als ersichtlich
gewordene Thaten der Musik bezeichnet hätte. Das wäre denn
nun ein recht kunstphilosophischer Titel gewesen, und hätte
gut in die Register der zukünftigen Poloniusse unserer
kunstsinnigen Höfe gepasst, von welchen man annehmen darf,
dass sie, nach den Erfolgen ihrer Soldaten, nächstens auch das
Theater im entsprechenden deutschen Sinne vorwärts führen
lassen werden. Allein, trotz allem dargebotenen Schauspiele,
wovon Viele behaupten, dass es in das Monströse ginge, würde
bei mir am Ende doch noch zu wenig zu sehen sein; wie mir denn
z.B. vorgeworfen worden ist, dass ich im zweiten Akte des
"Tristan" versäumt hätte ein glänzendes Ballfest vor sich
gehen zu lassen, während welches sich das unselige Liebespaar
zur rechten Zeit in irgend ein Bosquet verloren hätte, wo dann
ihre Entdeckung einen gehörig skandalösen Eindruck und alles
dazu sonst noch Passende veranlasst haben würde: statt dessen
geht nun in diesem Akte fast gar nichts wie Musik vor sich,
welche leider wieder so sehr Musik zu sein scheint, dass
Leuten von der Organisation des Herrn W.A. Riehl darüber das
Hören vergeht, was um so schlimmer ist, da ich dabei fast gar
nichts zu sehen biete.
So musste ich denn, da man sie, namentlich ihrer grossen
Unähnlichkeit mit "Don Juan" wegen, auch nicht als "Opern"
passiren lassen wollte, verdriesslicher Weise mich
entschliessen, meine armen Arbeiten den Theatern ohne alle
Benennung ihres Genre's zu übergeben; und, bei diesem
Auskunftsmittel gedenke ich zu verbleiden, so lange ich eben
mit unseren Theatern zu thun habe, welche mit Recht nichts
anderes als "Opern" kennen, und, man gebe ihnen ein noch so
korrektes "Musikdrama", doch wieder eine "Oper" daraus machen.
Um aus der hieraus entstehenden Verwirrung für einmal kräftig
herauszukommen, gerieth ich, wie bekannt, auf den Gedanken des
Bühnenfestspieles, welches ich nun mit Hilfe meiner
Freunde in Bayreuth zu Stande zu bringen hoffe. Die Benennung
hiervon ist mir durch den Charakter meiner Unternehmung
eingegeben worden, da ich Gesangfeste, Turnfeste u.s.w.
kannte, und mir nun recht wohl auch ein Theaterfest vorstellen
durfte, bei welchem bekanntlich die Bühne mit den
Vorgängen auf ihr, welche wir sehr sinnig als ein Spiel
aufzufassen haben, die ersichtlichste Hauptsache ist. Wer nun
diesem Bühnenfestspiele einmal beigewohnt haben wird, behält
dann vielleicht auch eine Erinnerung daran, und hierbei fällt
ihm wohl ebenfalls ein Name für Dasjenige ein, was ich jetzt
als namenlose künstlerische That meinen Freunden darzubieten
beabsichtige.
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