Richard Wagner:
Im vorigen Blatte ist nachgewiesen worden, wie durch ganz Europa die bestehende Gesellschaft,
in der zunehmenden Volksbildung ihren grössten Feind erkennend, sich derselben hemmend
entgegenstemmte, ohne jedoch die drohende Gefahr dadurch aufhalten zu können. Im Jahre 1848
hat der Kampf des Menschen gegen die bestehende Gesellschaft begonnen. Nicht beirren darf
es uns, dass dieser Kampf bis jetzt in den meisten Ländern noch nicht offen zu Tage tritt,
dass namentlich die beiden grössten deutschen Staaten uns bis jetzt äusserlich nur das alte
Schauspiel eines Kampfes der verschiedenen Theile der Gesellschaft um die Oberherrschaft
darbieten. Diese letzten Kämpfe der Adelsvorrechte in Preussen und Österreich, dies letzte
Aufflackern der unbeschränkten Fürstenmacht, nur gestützt auf eine rohe Gewalt, die vor dem
Lichte der Aufklärung täglich mehr dahinschmilzt, sie sind nichts weiter denn die Todeszuckungen
eines Körpers, dem der Geist, das Leben bereits entschwunden, sie sind nichts weiter denn die
letzten Nebeldünste der Nacht, welche die aufgehende Sonne vor sich hertreibt. Nicht dem im
Todeskrampfe bewusstlos um sich schlagenden Leichname, nicht jenem Überreste der Finsternis
gilt der Kampf unserer Zeit, ob auch der Schwachnervige vor dem Toben des Ersteren erschrickt,
ob auch das Auge des Blödsichtigen die dichtgeballten Nebel nicht zu durchdringen vermag; wir
wissen, dass der heftigste Krampf - der Todeskrampf ist, wir wissen, dass wenn am schwersten
die Morgennebel sich auf uns herabsenken, ein um so hellerer Tag folgt.
Der Kampf des Menschen gegen die bestehende Gesellschaft hat begonnen. Jene
Kämpfe, der Überrest einer vergangenen Zeit, wie wir sie in Österreich, in Preussen, zum
Theile auch im übrigen Deutschland sehen, sie können uns nicht täuschen, sie dienen ja nur
dazu das Schlachtfeld zu räumen für jenen letzten, erhabensten Kampf. Schon hat er offen in
Frankreich begonnen, England bereitet sich auf ihn vor und bald, bald auch refasst er Deutschland.
Wir leben in ihm, wir haben ihn durchzukämpfen. Vergebens wollten wir versuchen
ihm auszuweichen, uns zu flüchten, um den Strom an uns vorüber rauschen zu lassen, er erfasst
uns dennoch, möge unser Zufluchtsort noch so gesichert sein, und wir Alle, der Fürst in
seinem Palaste, wie der Arme in seiner Hütte, wir Alle müssen mitstreiten in diesem grossen
Kampfe, denn wir Alle sind Menschen und unterliegen dem Gebote der Zeit.
Unwürdig wäre es des vernunftbegabten Menschen, sich gleich dem Thiere, that- und willenlos
den Willen zu überlassen. Seine Aufgaben, seine Pflicht erheischt, dass er mit Bewusstsein
vollbringe, was die Zeit von ihm fordert. Unser Aller ernstliches Bestreben als denkende
Menschen muss daher sein: dies Bewusstsein, diese Erkenntnis dessen, was wir zu thun
haben, zu erlangen, und wir erringen es, wenn wir uns bemühen den Grund, die Ursache, und
somit auch die wahre Bedeutung der Bewegung, in welcher wir leben, zu erforschen.
Wir haben gesagt: der Kampf des Menschen gegen die bestehende Gesellschaft hat
begonnen. Dies ist nur dann wahr, wenn es erwiesen ist, dass unsre bestehende Gesellschaft
gegen den Menschen ankämpft, dass die Ordnung der bestehende Gesellschaft
der Bedeutung, dem Rechte des Menschen feindlich gegenüber tritt. Ob und in wie
weit dies der Fall ist, werden wir erkennen, wenn wir den Menschen seine Bestimmung,
sein Recht der bestehenden Gesellschaft gegenüber halten und prüfen, wie weit
sie geeignet ist, den Menschen seiner Bestimmung entgegenzuführen, ihm sein Recht
zu gewähren.
Des Menschen Bestimmung ist: durch die immer höhere Vervollkommnung seiner geistigen, sittlichen
und körperlichen Fähigkeiten zu immer höherem, reinerem Glücke zu gelangen.
Des Menschen Recht ist: durch die immer höhere Vervollkommnung seiner geistigen, sittlichen und körperlichen
Fähigkeiten zum Genusse eines stets wachsenden, reineren Glückes zu gelangen.
Somit entspringt der Bestimmung des Menschen das Recht des Menschen, Bestimmung
und Recht sind Eins, und das Recht des Menschen ist einfach: seine
Bestimmung zu erreichen.
Forschen wir nun nach der Kraft, mit welcher der Mensch ausgerüstet ist, um sein Recht
zu wahren, seine Bestimmung zu erreichen, so finden wir bald, dass ihm diese Kraft vollkommen
mangelt. Wo ist die Kraft des Menschen sich aus sich selbst geistig, sittlich und körperlich zu
vervollkommnen? Wo ist die Kraft des Menschen sich selbst zu lehren, was er doch nicht weiss?
Wo ist die Kraft des Menschen das Gute und Böse zu erkennen, das Gute zu übern, das Böse zu meiden, da er
doch aus sich selbst nicht weiss was Gut oder Böse? wie soll endlich der Mensch aus sich selbst
grössere Körperschaft schöpfen, als er besitzt? - Wir sehen, dass der Mensch an sich vollkommen
unfähig ist seine Bestimmung zu erreichen, dass er in sich seine Kraft hat den in ihm wohnenden
Keim, welcher ihn von dem Thiere unterscheidet, zu entfalten. Jene Kraft jedoch, welche wir
bei dem Menschen vermissen, wir finden sie in endloser Fülle in der Gesamtheit der
Menschen. Was Allen so lange sie vereinzelt sind ewig versagt bleibt, sie erreichen es,
so bald sie zusammentreten. In der Vereinigung der Menschen finden wir die Kraft,
welche wir bei den Einzelnen vergebens suchen. Während der Geist des Vereinzelten
ewig in tiefster Nacht begraben bleibt, wird er in der Vereinigung der Menschen erweckt,
angeregt und zu immer reicherer Kraaft entfaltet. Während der Vereinzelte ohne Sittlichkeit
ist, weil er weder das Gute noch das Böse zu erkennen vermag, entspringt der Vereinigung
der Menschen die Sittlichkeit; sie lernen in dem was schadet, das Böse, in dem was nützt, das Gute erkennen,
und ihre Sittlichkeit wächst mit je klarerer Erkenntniss sie das Böse meiden, das Gute üben.
Während die Kraft, die Geschicklichkeit des Vereinzelten stest dieselben sind, steigert
sich in der Vereinigung der Menschen ihre Kraft ins Unendliche mit ihren Bedürfnissen.
Je ausgedehnter, je inniger die Vereinigung, um so reicher entfaltet sich der Geist,
um so reiner wird die Sittlichkeit, um so mannigfacher werden die Bedürfnisse und wächst mit
ihnen die Kraft der Menschen sie zu befriedigen.
Somit erkennen wir, dass nur in der Vereinigung die Menschen jene Kraft finden, welche
sie ihrer Bestimmung entgegen zu führen vermag; nur allein da aber, wo die Kraft
dazu liegt, kann auch die Bestimmung sein, und darum sagen wir jetzt richtiger:
Es ist die Bestimmung der Menschheit, durch die immer höhere Vervollkommnung ihrer geistigen,
sittlichen und körperlichen Kräfte zu immer höherem, reinerem Glücke zu gelangen.
Der einzelne Mensch ist nur der Theil des Ganzen; Vereinzelt für sich ist er Nichts,
nur allein als Theil des Ganzen findet er seine Bestimmung, sein Recht, sein Glück.
Die Vereinigung der Menschen nennen wir: die Gesellschaft.
Wir sehen, dass die Gesellschaft nicht etwas Zufälliges, Willkürliches, Freiwilliges ist,
wir sehen, dass ohne die Gesellschaft der Mensch kein Mensch mehr ist, sich nicht mehr
von dem Thiere unterscheiden würde; wir sehen somit, dass die Gesellschaft die nothwendige
Bedingung unseres Menschenthums ist. Die Menschen sind daher nicht nur berechtigt,
sondern auch verpflichtet, an die Gesellschaft die Anforderung zu stellen: sie
durch Vervollkommnung ihrer geistigen, sittlichen und körperlichen Fähigkeiten zu immer
höherem, reinerem Glücke zu führen.
Wie erfüllt nun unsere bestehende Gesellschaft diese ihre Aufgabe?
Dem Zufall überlässt sie die geistige Vervollkommnung Einzelner ihrer Glieder, während
sie den grösseren Theil derselben gewaltsam von einer höheren Entwicklung zurückhält;
dem Zufall überlässt sie es, ob Einzelne sich sittlich veredeln, während sie überall
das Laster, das Verbrechen erzeugt und schützt. Dem Zufall überlässt sie die Ausbildung,
das Wachsthum unserer körperlichen Kräfte, während ihr Streben nur dahin gerichtet ist
unsere Bedürfnisse zu beschränken, also unsere Fähigkeit sie zu befriedigen, zu verringern.
Dem Zufall überlässt unsere bestehende Gesellschaft Alles: unsern geistigen, sittlichen
und körperlichen Fortschritt; der Zufall entscheidet, ob wir uns unserer Bestimmung
nähern, ob wir unser Recht erlangen, ob wir glücklich werden.
Unsere bestehende Gesellschaft ist ohne Erkenntniss, ohne Bewusstsein ihrer Aufgabe, sie
erfüllt sie nicht.
Der Kampf des Menschen gegen die bestehende Gesellschaft hat begonnen.
Dieser Kampf, er ist der heiligste, der erhabenste, der je gekämpft wurde, denn er ist der
Kampf des Bewusstseins gegen den Zufall, des Geistes gegen die
Geistlosigkeit, der Sittlichkeit gegen das Böse, der Kraft
gegen die Schwäche; Es ist der Kampf um unsere Bestimmung, unserer Recht,
unser Glück.
Das Bestehende, es hat grosse Gewalt über den Menschen. Unsere bestehende Gesellschaft
hat eine furchtbare Macht über uns, denn sie hat absichtlich das Wachsthum unserer
Kraft gehemmt. Die Kraft zu diesem heiligen Kampfe kann uns nur erwachsen aus
der Erkenntniss der Verworfenheit unserer Gesellschaft. Wenn wir klar erkannt
haben wie unsere bestehende Gesellschaft ihrer Aufgabe widerspricht, wie sie gewaltsam
und oft vorsätzlich uns abhält unsere Bestimmung, unser Recht, unser Glück zu erlangen,
dann haben wir auch die Kraft gewonnen sie zu bekämpfen, sie zu besiegen.
Unsere erste, wichtigste Aufgabe ist es daher: das Wesen und das Wirken unserer bestehenden
Gesellschaft nach allen Seiten hin zu prüfen und immer klarer zu erfassen; ist sie
einmal erkannt, dann ist sie auch gerichtet!
Digitized by Hannu Salmi.
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