Richard Wagner:
Meine Freunde und werten Gönner!
Durch Sie bin ich heute auf einen Platz gestellt, wie ihn gewiß noch nie vor mir ein Künstler
einnahm. Sie glauben meiner Verheißung, den Deutschen ein ihnen eigenes Theater zu gründen,
und geben mir die Mittel, dieses Theater in deutlichem Entwurfe vor Ihnen aufzurichten.
Hierzu soll für das Erste das provisorische Gebäude dienen, zu welchem wir heute den
Grundstein legen. Wenn wir uns hier zur Stelle wiedersehen, soll Sie dieser Bau begrüßen,
in dessen charakteristischer Eigenschaft Sie sofort die Geschichte des Gedankens lesen werden,
der in ihm sich verkörpert. Sie werden eine mit dem dürftigsten Materiale ausgeführte
äußere Umschalung antreffen, die Ihnen im glücklichsten Falle die flüchtig gezimmerten
Festhallen zurückrufen wird, welche in deutschen Städten zuzeiten für Sänger- und ähnliche
genossenschaftliche Festzusammenkünfte hergerichtet und alsbald nach den Festtagen wieder
abgetragen wurden. Was von diesem Gebäude jedoch auf einen dauernden Bestand berechnet ist,
soll Ihnen dagegen immer deutlicher werden, sobald Sie in sein Inneres eintreten. Auch hier
wird sich Ihnen zunächst noch ein allerdürftigstes Material, eine völlige Schmucklosigkeit
darbieten; Sie werden vielleicht verwundert selbst die leichten Zieraten vermissen, mit
welchen jene gewohnten Festhallen in gefälliger Weise ausgeputzt waren. Dagegen werden sie
in den Verhältnissen und den Anordnungen des Raumes und der Zuschauerplätze einen Gedanken
ausgedrückt finden, durch dessen Erfassung Sie sofort in eine neue und andere Beziehung zu
dem von Ihnen erwarteten Bühnenspiele versetzt werden, als diejenige es war, in welcher sie
bisher beim Besuche unserer Theater befangen waren. Soll diese Wirkung bereits rein und
vollkommen sein, so wird nun der geheimnisvolle Eintritt der Musik Sie auf die Enthüllung
und deutliche Vorführung von szenischen Bildern vorbereiten, welche, wie sie aus einer
idealen Traumwelt vor Ihnen sich darzustellen scheinen, die ganze Wirklichkeit der
sinnvollsten Täuschung einer edlen Kunst vor Ihnen kundgeben sollen. Hier darf nichts mehr
in bloßen Andeutungen eben nur provisorisch zu Ihnen sprechen; soweit das künstlerische
Vermögen der Gegenwart reicht, soll Ihnen im szenischen wie im menschlichen Spiele das
Vollendetste geboten werden.-
So mein Plan, welcher das, was ich vorhin das auf Dauer Berechnete unseres Gebäudes nannte,
in die möglichst vollendete Ausführung seines auf eine erhabene Täuschung abzielenden Teiles
verlegt. Muß ich das Vertrauen in mich setzen, die hiemit gemeinte künstlerische Leistung zum
vollen Gelingen zu führen, so fasse ich den Mut hierzu nur aus einer Hoffnung, welche mir aus
der Verzweiflung selbst erwachsen ist. Ich vertraue auf den deutschen Geist und hoffe auf
seine Offenbarung auch in denjenigen Regionen unseres Lebens, in denen er, wie im Leben
unserer öffentlichen Kunst, nur in allerkümmerlichster Entstellung dahinsiechte. Ich
vertraue hierfür vor allem auf den Geist der deutschen Musik, weil ich weiß, wie willig und
hell er in unseren Musikern aufleuchtet, sobald der deutsche Meister ihnen denselben wachruft;
ich vertraue auf die dramatischen Mimen und Sänger, weil ich erfuhr, daß sie wie zu einem
neuen Leben verklärt werden konnten, sobald der deutsche Meister sie von dem eitlen Spiele
einer verwahrlosenden Gefallkunst zu der echten Bewährung ihres so bedeutenden Berufes
zurückleitete. Ich vertraue auf unsere Künstler und darf dies laut aussprechen an dem Tage,
der eine so auserwählte Schar derselben auf meinen bloßen freundschaftlichen Anruf aus den
verschiedensten Gegenden unseres Vaterlandes um mich versammelte: wenn diese, in
selbstvergessener Freude an dem Kunstwerke, unseres großen Beethovens Wunder-Symphonie Ihnen
heute als Festgruß zutönen, dürfen wir alle uns wohl sagen, daß auch das Werk, welches wir
heute gründen wollen, kein trügerisches Luftgebäude sein wird, wenngleich wir Künstler ihm
eben nur die Wahrhaftigkeit der in ihm zu verwirklichenden Idee verbürgen können.
An wen aber wende ich mich nun, um dem idealen Werke auch seine solide Dauer in der Zeit,
der Bühne ihre schützende monumentale Gehäusung zu sichern?
Man bezeichnete jüngst unsere Unternehmung öfter schon als die Errichtung des »National-
Theaters in Bayreuth«. Ich bin nicht berechtigt, diese Bezeichnung als gültig anzuerkennen.
Wo wäre die »Nation«, welche dieses Theater sich errichtete? Als kürzlich in der französischen
Nationalversammlung über die Staatsunterstützung der großen Pariser Theater verhandelt
wurde, glaubten die Redner für die Forterhaltung, ja Steigerung der Subventionen sich feurig
verwenden zu dürfen, weil man die Pflege dieser Theater nicht nur Frankreich, sondern Europa
schuldig wäre, welches von ihnen aus die Gesetze seiner Geisteskultur zu empfangen gewohnt
sei. Wollen wir uns nun die Verlegenheit, die Verwirrung denken, in welche ein deutsches
Parlament geraten würde, wenn es die ungefähr gleiche Frage zu behandeln hätte? Seine
Diskussionen würden vielleicht zu der bequemen Abfindung führen daß unsere Theater ja eben
keiner nationalen Unterstützung bedürften, da die französische Nationalversammlung ja auch
für ihre Bedürfnisse bereits sorgte. Im besten Falle würde unser Theater dort so behandelt
werden, wie noch vor wenigen Jahren in unseren verschiedenen Landtagen dem deutschen Reiche
es widerfahren mußte, nämlich: als Chimäre.
Baute sich vor meiner Seele wohl auch der Entwurf des wahrhaften »deutschen Theaters« auf,
so mußte ich doch sofort erkennen, daß ich von Innen und Außen verlassen bleiben würde,
wollte ich mit diesem Entwurfe vor die Nation treten. Doch meint mancher wohl, was Einem
nicht geglaubt werden könne, würde vielleicht Vielen geglaubt: es dürfte am Ende gelingen,
eine ungeheure Aktien-Gesellschaft zusammenzubringen, welche einen Architekten beauftrüge,
ein prachtvolles Theatergebäude irgendwo aufzurichten, dem man dann kühn den Namen eines
»deutschen Nationaltheaters« geben dürfte, in der Meinung, es würde darin gar bald von
selbst auch eine deutsch-nationale Theaterkunst sich herausbilden. Alle Welt ist heutzutage
in dem festen Glauben an einen immerwährenden, und namentlich in unserer Zeit äußerst
wirksamen, sogenannten Fortschritt, ohne sich eigentlich wohl darüber klar zu sein, wohin
denn fortgeschritten werde und was es überhaupt mit diesem »Schreiten« und diesem »Fort«
für eine Bewandtnis habe; wogegen diejenigen, welche der Welt wirklich etwas Neues brachten,
nicht darüber befragt wurden, wie sie sich zu dieser fortschrittlichen Umgebung, die ihnen
nur Hindernisse und Widerstände bereitete, verhielten. Der unverhohlenen Klagen hierüber, ja
der tiefen Verzweiflung unserer allergrößten Geister, in deren Schaffen wirklich der einzige
und wahre Fortschritt sich kundgab, wollen wir an diesem Festtage nicht gedenken; wohl aber
dürften Sie demjenigen, dem Sie heute eine so ungemeine Auszeichnung gewähren, es gestatten,
seine innige Freude darüber kundzugeben, daß der eigentümliche Gedanke eines Einzelnen schon
bei seinen Lebzeiten von so zahlreichen Freunden verstanden und förderlich erfaßt werden
konnte, wie Ihre Versammlung heute und hier mir dies bezeugt.
Nur Sie, die Freunde meiner besonderen Kunst, meines eigensten Wirkens und Schaffens, hatte
ich, um für meine Entwürfe mich an Teilnehmende zu wenden; nur um Ihre Mithilfe für mein
Werk konnte ich Sie angehen: dieses Werk rein und unentstellt denjentigen vorführen zu
können, die meiner Kunst ihre ernstliche Geneigtheit bezeigten, trotzdem sie ihnen nur noch
unrein und entstellt bisher vorgeführt werden konnte, - dies war mein Wunsch, den ich Ihnen
ohne Anmaßung mitteilen durfte. Und nur in diesem, fast persönlichen Verhältnisse zu Ihnen,
meine Gönner und Freunde, darf ich für jetzt den Grund erkennen, auf welchen wir den Stein
legen wollen, der das ganze, uns noch so kühn vorschwebende Gebäude unserer edelsten
deutschen Hoffnung tragen soll. Sei es jetzt auch bloß ein provisorisches, so wird es dieses
nur in dem gleichen Sinne sein, in welchem seit Jahrhunderten alle äußere Form des deutschen
Wesens eine provisorische war. Dies aber ist das Wesen des deutschen Geistes, daß er von
Innen baut: der ewige Gott lebt in ihm wahrhaftig, ehe er sich auch den Tempel seiner Ehre
baut. Und dieser Tempel wird dann gerade so den inneren Geist auch nach außen kundgeben, wie
er in seiner reichsten Eigentümlichkeit sich selbst angehört. So will ich diesen Stein als
den Zauberstein bezeichnen, dessen Kraft die verschlossenen Geheimnisse jenes Geistes Ihnen
lösen soll. Er trage jetzt nur die sinnvolle Zurüstung, deren Hilfe wir zu jener Täuschung
bedürfen, durch welche Sie in den wahrhaftigsten Spiegel des Lebens blicken sollen. Doch
schon jetzt ist er stark und recht gefügt, um dereinst den stolzesten Bau zu tragen, sobald
es das deutsche Volk verlangt, zu eigener Ehre mit Ihnen in seinem Besitz zu treten. Und so
sei es geweiht von Ihrer Liebe, von Ihren Segenswünschen, von dem tiefen Danke, den ich
Ihnen trage, Ihnen allen, die mir wünschten, gönnten, gaben und halfen! - Er sei geweiht von
dem Geiste, der es Ihnen eingab, meinem Anrufe zu folgen; der Sie mit dem Mute erfüllte,
jeder Verhöhnung zum Trotz, mir ganz zu vertrauen; der aus mir zu Ihnen sprechen konnte,
weil er in Ihrem Herzen sich wiederzuerkennen hoffen durfte: von dem deutschen Geiste, der
über die Jahrhunderte hinweg Ihnen seinen jugendlichen Morgengruß zujauchzt!
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